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Wissenschaft

Wissenschaftler an Höhlenmensch: Ich bin nicht gekauft!

Der renommierte Klimaforscher Roy W. Spencer gibt auf seiner Website einige Auskünfte über sich selbst. Dort heißt es:

Roy W. Spencer received his Ph.D. in meteorology at the University of Wisconsin-Madison in 1981. Before becoming a Principal Research Scientist at the University of Alabama in Huntsville in 2001, he was a Senior Scientist for Climate Studies at NASA’s Marshall Space Flight Center, where he and Dr. John Christy received NASA’s Exceptional Scientific Achievement Medal for their global temperature monitoring work with satellites. Dr. Spencer’s work with NASA continues as the U.S. Science Team leader for the Advanced Microwave Scanning Radiometer flying on NASA’s Aqua satellite. He has provided congressional testimony several times on the subject of global warming.

Spencer fährt fort:

Dr. Spencer’s research has been entirely supported by U.S. government agencies: NASA, NOAA, and DOE. He has never been asked by any oil company to perform any kind of service. Not even Exxon-Mobil.

Es gereicht unserer Zeit zur Schande, daß ein renommierter Wissenschaftler dergleichen überhaupt bemerken muß! Und welchen Ekel muß Spencer empfunden haben, als er diese Zeilen geschrieben hat! Denn er weiß natürlich, daß Datenfälschungen früher oder später auffliegen. Die Wissenschaft ist ein weit robusteres System zur Auffindung objektiver Erkenntnis, als der durchschnittliche Wissenssoziologe, Kulturrelativist oder Revoluzzer sich träumen läßt.

Weshalb dem so sei? Nun, wenigstens zweier Regeln wegen, die dafür sorgen, daß die Wissenschaft von unserer Erfahrungswirklichkeit handle, nicht aber von irgendeiner anderen, logisch möglichen Welt.

(1) Die Reproduzierbarkeitsregel

In die empirische Wissenschaft dürfen nur solche Sätze Eingang finden, die – ob Prüf- oder Basissatz, ob Theorie-Vorschlag – einen „Effekt“[1] beschreiben. Ein Effekt unterscheidet sich von sonstigen Beobachtungen dadurch, „daß er sich regelmäßig und von jedem reproduzieren läßt, der die Versuchsanordnung nach Vorschrift aufbaut“[2]; „nichtreproduzierbare Einzelereignisse sind […] für die Wissenschaft bedeutungslos“[3].

Folglich darf ein Experiment überhaupt nur dann ernstgenommen werden, wenn es zu Effekten führt, die sich (prinzipiell[4]) reproduzieren und also überprüfen lassen. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als daß ein jeder „die experimentelle Anordnung nachträglich […] kontrollieren“[5] und das betreffende Experiment „mit besonderer Kontrolle der möglichen Störfaktoren“[6] wiederholen kann. Selbst Betrügereien – „daß die beobachtenden Assistenten möglicherweise unzuverlässig waren, daß ein Magnet am Plafond des Laboratoriums hätte versteckt sein können“[7] – sollten so aufzudecken sein. Datenfälschungen dürften diesem Mechanismus kaum lange standhalten.

Mit einem Wort: Reproduzierbarkeit (Überprüfbarkeit) sorgt für Objektivität. Daß tatsächlich überprüft wird, dafür sorgen Neugier und Ehrgeiz der Forscher.

(2) In Zweifelsfällen: Deduktion heterotyper Prüfsätze

Wo unklar ist, was von einer Theorie, bzw. dem Experiment zu deren Überprüfung zu halten sei, empfiehlt Gunnar Andersson, „aus einem problematischen Prüfsatz und einer Hilfshypothese einen heterotypen Prüfsatz, d.h. einen Prüfsatz anderen Typs, abzuleiten.“[8] Im Anschluß könne der erste Prüfsatz „durch Überprüfung des heterotypen Prüfsatzes […] kontrolliert und kritisch diskutiert werden.“[9] Wie Andersson ausführt,

kann z. B. der Prüfsatz, daß es an einer bestimmten Raum-Zeit-Stelle einen Fixstern gibt (Pk), dadurch überprüft werden, daß mit einer Hilfshypothese […] prognostiziert wird, daß der Stern in einem Fernrohr punktförmig aussieht […]. Wenn der Stern in einem Fernrohr nicht punktförmig aussieht, dann folgt, daß es sich nicht um einen Fixstern handelt, d. h., daß der Prüfsatz Pk falsch ist […]. So kam Herschel durch Beobachtung der Scheibenform des Uranus 1781 zu der Auffassung, daß Uranus kein Fixstern sein könne. Viele solcher Beispiele der Kritik von Prüfsätzen mit heterotypen Prüfsätzen können in der Wissenschaftsgeschichte gefunden werden.[10]

Nicht nur Theorien, sondern auch Prüf- oder Basissätze (z.B. Klimadaten) können sich als falsch erweisen. Dafür haben wir die Möglichkeit, Prüf- oder Basissätze „aufgrund ihrer deduktiven Konsequenzen“[11] selbst zu überprüfen. Durch solche „Querprüfungen“ lassen sich Datenfälschungen (oder Versehen) mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auffinden.

Rejoice, Ye Pure of Heart

Wissenschaft ist möglich, ganz gleich, was Troglodyten oder Proktophantasmisten meinen. Wenn es weniger schlimm um unsere Schulbildung und Medien stünde, bräuchte ein ehrenwerter Mann wie Dr. Roy W. Spencer sich nicht im Vorhinein gegen absurde Vorwürfe zu verteidigen.

***

[1] Karl R. Popper, Logik der Forschung. Tübingen 1976, S. 19. [2] Ebd., Hervorhebung von mir. [3] Ebd., S. 54. [4] Ebd., S. 55, Fußnote. [5] Gunnar Andersson, Kritik und Wissenschaftsgeschichte. Tübingen 1988, S. 157. [6] Ebd. [7] Ebd. [8] Ebd., S. 185. [9] Ebd. [10] Ebd. [11] Ebd., S. 186; vgl. Popper, a.a.O., S. 76, Zusatz (5). Mehr zum Thema hier.

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Geschichte Res publica

Grünkernsuppe mit Totalitarismus

Zum deutschen Antimodernismus.

Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, hat ein Buch über die Grünen geschrieben und Spiegel online ein Interview gewährt. Darin heißt es:

SPIEGEL: Sie beschreiben die Grünen fast, als wären sie die neuen Nazis. Die Partei habe anfangs „gegen einen pragmatischen Politikstil und gegen die sich den Notwendigkeiten der Moderne öffnende Gesellschaft“ gekämpft.

Güllner: Ich will die Grünen um Gottes willen nicht mit den Nazis vergleichen. Doch rein soziologisch betrachtet, entstammte der ursprüngliche Nukleus dieser Bewegung in der Weimarer Zeit und später der Grünen-Bewegung dem gleichen antimodernen Segment der Gesellschaft, einem radikalisierten Teil der deutschen Mittelschicht.

Was soll man sagen? Das ist nichts Neues. Jeder, der sich auch nur ein wenig mit dem deutschen (bzw. deutschsprachigen) Antimodernismus seit der Zeit Wilhelms II. beschäftigt hat, zuckt mit den Schultern: „Ja mei…“

Dennoch brodelt es in der Grünkern-Fraktion.

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Stil im Alltag

Leibniz Universität Hannover: Das sah ja schon mal besser aus!

Durch den (unschuldigen) Vorsatz, in der Fachbibliothek Sozialwissenschaften der Leibniz Universität Hannover (tatsächlich ohne Bindestrich) zwei schmale Bücher zu entleihen, geriet ich in eine Art Dschungel. Kaum auszudenken, was ein Stipendiat oder eine Stipendiatin aus, sagen wir, Ostasien beim Anblick solcher Verwahrlosung empfinden möchte.

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Wissenschaft

Vom Glauben an die Vernunft

Zbliżenia interkulturowe 9 (2011)

Dirk Maxeiners Buch „Hurra, wir retten die Welt! Wie Politik und Medien mit der Klimaforschung umspringen“ läßt sich auf (wenigstens) zwei Weisen lesen. Man kann sich auf die Schilderung des Irrationalen darin konzentrieren und verzagen. Oder sich von Maxeiners Vertrauen in Vernunft und Wissenschaft inspirieren lassen.

Die Klimadebatte kreist um die Hypothese von der anthropogenen Erderwärmung, die behauptet, daß die Kohlendioxid-Emission von Industrie, Verkehr und Haushalten das Klima in entscheidender Weise beeinflusse. Bundeskanzlerin Angela Merkel, selbst promovierte Naturwissenschaftlerin, schließt diesbezüglich jeden Zweifel aus.[1] Doch liegen die Dinge weit weniger eindeutig. Wie Maxeiner ausführt, werde die Hypothese durch die Erfahrungswirklichkeit widerlegt; zum einen wirke sich eine erhöhte Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre weit weniger auf deren Temperatur aus, als die Prognosen voraussetzen; zum anderen habe seit 2001 keine Erwärmung stattgefunden, obwohl Industrie, Verkehr und Haushalte weiterhin fossile Energieträger verbrannt haben. Vor diesem Hintergrund „bleibt vom anthropogenen Treibhauseffekt nicht mehr viel übrig.“ (S. 49)

Der zweite Teil des Buches handelt von den außerwissenschaftlichen Einflüssen auf die Klimaforschung, welche der erste Teil bewußt ignoriert hat. Dazu zählen Politik, veröffentlichte Meinung (Medien), Nichtregierungsorganisationen und leider auch das unmoralische Verhalten gewisser Wissenschaftler, wie der Skandal um die Climate Research Unit (CRU) in Großbritannien gezeigt hat. Dort wurden Daten gefälscht oder, wenn von Skeptikern angefordert, „verloren“, die Redaktionen wissenschaftlicher Zeitschriften (in wenigstens einem Fall erfolgreich) unter Druck gesetzt, dissidente Aufsätze abzulehnen. Maxeiner referiert diese Geschehnisse mit hoher Bemühung um Sachlichkeit, vermeidet es auch dort, wo er deutlich Stellung bezieht, sich zu ereifern – selbst angesichts der Machinationen um die Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Ein gestandener Wissenschaftstheoretiker wie Karl Popper, der die ethische Dimension wissenschaftlicher Tätigkeit zu betonen pflegte, hätte weit Schneidenderes zu bemerken gefunden.

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Wissenschaft

Die Flucht vor den Fakten

Alan Sokal und Jean Bricmont sezieren in ihrem weitbekannten Buch Eleganter Unsinn vor allem französische Vorkommnisse „tiefer“ Psychologie, Philosophie, Literaturtheorie etc. (Sokal/Bricmont, Unsinn, 1999). Der nämlichen Erscheinung an amerikanischen Universitäten widmet Roger Kimball sein Werk The Rape of the Masters. Alle von Sokal, Bricmont und Kimball vorgeführten Akademiker vernachlässigen die Empirie; sie schreiben, was ihre Laune diktiert. Viele von ihnen zeigen zudem „die Tendenz, die verborgenen Beweggründe unserer Handlungen zu entschleiern.“ (Popper, Offene Gesellschaft, Bd. 2, S. 264). Was dabei herauskommt, sind „Deutungen“ maritimer Malerei, in denen ein Boot umkreisende Haie „can be read as castrating temptresses, their mouths particularly resembling the vagina dentata, the toothed organ that so forcefully expressed the male fear of female aggression.“  (Kimball, Rape, 2004, S. 123) Sollte ein Hai nicht auch bloß ein Hai sein können?

Obschon die Misere sämtliche Nationen des Westens (und die Wasser zwischen ihnen) betrifft, liegt die zweifelhafte Ehre, solche Enthüllungsprosa zu früher Vollendung geführt zu haben, bei einem Denker deutscher Zunge. Es handelt sich um Sigmund Freud. Gegen das Denken des Begründers der Psychoanalyse und seiner Schule läßt sich schlechterdings kein Argument empirischer Natur führen. Denn ein „Psychoanalytiker kann jeden Einwand hinwegerklären, indem er zeigt, daß er das Werk der Verdrängung des Kritikers ist.“ (Popper, Offene Gesellschaft, 1980, Bd. 2, S. 264)

Nun muß die hier gegebene Einschätzung Freuds als (immer noch) umstritten gelten. Doch heißt es: „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ (Mt 7, 16 und 20) Und diesbezüglich unterliegt keinem Zweifel, daß Freud eine – gewaltige! – Senkung des Gesprächsniveaus in der akademischen und nicht-akademischen Welt zu verantworten hat. Kehren wir einen Moment zu dem maritimen Gemälde zurück: Lehrt uns die Vagina-dentata-Deutung etwas über die Malerei im Allgemeinen oder das Kunstwerk selbst, an das sie heranführen möchte?  Sie verstellt den Blick auf das Gemälde durch eine Interpretation, die zugleich grobschlächtig, „entlarvend“ und trivial wirkt. Die feineren Züge des Gemäldes – weite Teile der Erfahrungswirklichkeit – werden ignoriert. Wird so etwas zur Mode, verfallen Wissenschaft und Kultur.

In der außerakademischen Welt gereicht alles im weitesten Sinne psychoanalytische Vokabular inzwischen zur Allzweckwaffe unter den Argumenten ad hominem: Jegliche Zustimmungsverweigerung kann pathologisiert werden. Diesen Eindruck bestätigt die politische Diskussion in Deutschland, namentlich der Streit um die muslimische Immigration. Seit einigen Jahren wird Bürgern, welche die Entwicklung mit Sorge betrachten, „Islamophobie“ unterstellt. Damit werden immerhin „krankhafte Angstzustände“ attestiert: „Personen, die diese Einstellungen teilen, leiden demnach unter einer Krankheit und bedürfen einer Therapie.“ (Luft, Abschied, 2006, S. 335) Das totalitäre Potential einer solchen Pathologisierung Andersdenkender ist nicht zu leugnen, zumal sich die Sowjetunion der Einweisung in psychiatrische Anstalten als Repressionsmittel bedient hat (Heller/Nekrich, Geschichte, 1981, Bd. 2, S. 279-280, 304, 356).

Bemerkenswert wirkt, daß manchen Freunden von ad-hominem-Argumenten eine Pathologisierung nicht ausreicht; sie setzen eine weitere hinzu. So die Journalistin Ulrike Baureithel in einem Beitrag zur Debatte um Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab:

[(i)] Müßig, an dieser Stelle das krude islamophobische Weltbild Thilo Sarrazins noch einmal aufzurufen. [(ii)] Seltener kommt allerdings zur Sprache, dass hier offenbar auch die Ängste älterer Männer gegenüber der «Flut» junger, «fremder», potenter Männer den Diskurs antreiben. (Baureithel, Deutsche, 2010)

Nach Ziffer (i) erblicken wir den bekannten Phobie-Vorwurf. Für sich genommen, sollte er bereits hinreichend unwiderleglichen Abscheu stiften. Doch bleibt er nur Präludium, da nach Ziffer (ii) ein weiterer, „tieferer“ Anwurf folgt: Sarrazin treibe die Angst des älteren Mannes vor der Unzahl jüngerer und kräftigerer Männer. Zeugt dergleichen „Doppelt genäht, hält besser!“ von zu großem, oder aber von zu geringem Vertrauen in die Zauberkraft des Meisters?

Wissenssoziologie, Ideologie-Verdacht

Nun könnte man ein Vorgehen wie das von Frau Baureithel nicht weiter ernstnehmen. Schließlich richtet sich ihr naiver Glaube an die Verläßlichkeit der Psychoanalyse selbst. Leider jedoch stellt der Ausfall der Journalistin nur den Splitter eines weit verbreiteten und ernsten Problems dar. Dies zeigt z.B. die Klage des weltbekannten Wirtschaftshistorikers David Landes über die Gesprächskultur in seinem Fach:

much of the debate has taken the form of name-calling. The purpose (or effect) of these labels is to marginalize or exclude the adversary. He is a… (fill in the classifier). Nothing more need be said. (Landes, Wealth, 1999, S. 415)

Wir haben es wiederum mit Argumenten ad hominem zu tun. Nur handelt es sich dieses Mal nicht bloß um im weitesten Sinne psychoanalytische Argumente; auch „soziologische“ und/oder „ethische“ Argumente ad hominem werden zugelassen, um Dissidenten zum Schweigen zu bringen. Zu den Bestimmungen, die in Landes’ „He is a… (fill in the classifier).“ eingetragen werden können, zählen unter anderem: (i) Eurozentrist, (ii) Imperialist, (iii) Rassist, (iv) Frauenfeind, (v) Verächter der Homosexuellen. Der uns bereits bekannte Islamophobie-Vorwurf könnte je nach Wunsch unter (i) bis (iii) subsumiert oder als weiterer Eintrag in die Liste aufgenommen werden. Es bestürzt, wie einfach es ist, Wissenschaft zu verhindern.

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Geschichte Res publica

Der Bildungsauftrag öffentlich-rechtlicher Medien in historischer Perspektive

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Als Winston Churchill ’störte‘. Milton Friedman:

From 1933 to the outbreak of World War II, Churchill was not permitted to talk over the British radio, which was, of course, a government monopoly administered by the British Broadcasting Corporation. Here was a leading citizen of his country, a Member of Parliament, a former cabinet minister, a man who was desperately trying by every device possible to persuade his countrymen to take steps to ward off the menace of Hitler’s Germany. He was not permitted to talk over the radio to the British people because the BBC was a government monopoly and his position was too „controversial“.

(Capitalism and Freedom, Chicago 2002, S. 19.)

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Wissenschaft

Helmut Schoeck: Sinnvernichtung

Evolution hat keinen guten Ruf. Sie wird oft als etwas aufgefaßt, das allem Menschlichen fremd, gar entgegengesetzt sei; als ein entmenschtes Gegen-Evangelium. Dieser Eindruck läßt sich mildern, indem man sich um ein umfassenderes Bild der Sachlage bemüht. Und erkennt, daß der Mensch nicht nur „Glied“[1], sondern auch „Steuernder“[2] der Evolution ist – durch seine Kreativität. Wir sollten uns deshalb verdeutlichen, „daß wir es sind, die in all den Bereichen von der Religionssoziologie bis zur Technikentwicklung das jeweils Neue hervorbringen“.[3] Und zwar auf vielfältige Weise; „in der Möglichkeit zur Zuchtwahl wie zur Genmanipulation, im Entwerfen und Verwirklichen sozialer Systeme, im Konzipieren wissenschaftlicher Theorien und im Realisieren technologischer Artefakte zur Befriedigung […] menschlicher Bedürfnisse.“[4]

Wie sehr der Mensch die Evolution beeinflußt, macht ein näherer Blick auf deren „Mechanismen“ deutlich; – auf jene Mechanismen, die Evolution ermöglichen und vorantreiben. Charles S. Peirce unterscheidet drei solche Mechanismen:

(i)    Die Evolution per Zufallsvariation („tychastische Evolution“[5]), auf der der Darwinismus gründet.[6] Sie wird durch Zufälle wie denjenigen ermöglicht, daß gerade jener Paul gerade jene Paula in gerade jener Stadt traf, sich verliebte und schließlich ein Töchterchen namens Paulette zeugte. Paulette verdankt die Zusammensetzung ihrer Gene dem Zufall.

(ii)    Die „Evolution durch mechanische Notwendigkeit“[7] („anankastische Evolution“[8]). Mechanische Notwendigkeit wirkt, „[w]enn ein Ei dazu bestimmt ist, eine gewisse Reihe von embryonalen Transformationen durchzumachen, von der es ganz gewiß nicht abweicht“.[9] Jedenfalls, sofern nichts Äußeres dazwischen kommt. (Was hinwiederum einen Effekt tychastischer Evolution bilden würde – „das Sichkreuzen zweier unabhängiger Kausalreihen“.[11])

(iii)    Die „Evolution durch schöpferische Liebe“[12] („evolution by creative love“[13]; „agapastische Evolution“[14]). Dieser Mechanismus wird gern übersehen. Das ist bedauerlich. Denn ohne ihn erweist es sich als schlichtweg unmöglich, das Entstehen all der Ideen für Handwerkszeuge und technische Geräte, der wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Theorien, der Kunstwerke und der Meisterwerke der Architektur zu erklären. Schließlich gedeihen all diese Pläne und Dinge nur dann, wenn ein Mensch Arbeit und Mühe – „Gehirnschmalz“ – investiert, lange darüber nachdenkt, was er verbessern, was er noch besser gestalten könnte; mit einem Worte, ihnen Zuwendung schenkt. Man sorgt (wie bei Pflanzen[15]) durch Zuwendung dafür, daß seine Pläne gedeihen; durch schöpferische Liebe. Sonst gedeihen sie nicht.

Wir erkennen: Ein umfassendes Bild der Mechanismen, die Evolution ermöglichen, verändert unseren Eindruck vom Ort des Menschen in der Evolution, und dies in entscheidender Weise! Zwar bleiben wir Geschöpfe der Evolution, deren Launen – man denke an die Sonne – ausgeliefert. Doch sind wir auch – zu Teilen – deren Gestalter; wir beeinflussen die Evolution. Durch unsere Kreativität. Durch unsere Kulturleistungen. So weicht der Eindruck bloßen Ausgeliefert-Seins dem einer gewaltigen Abenteuer-Fahrt.[17]

Deshalb liegt es in unserem Interesse, ein umfassendes Bild der Mechanismen zu erwerben, die Evolution ermöglichen. Bevor wir – grundlos – verzagen. Und darob dem wissenschaftlichen Denken untreu werden.

Übersehene Liebe, wucherndes Unglück

Natürlich sind die drei von Peirce unterschiedenen Evolutionsmechanismen irreduzibel; wir müssen uns aller drei bedienen, wenn wir beschreiben wollen, wie wir zu denen geworden, die wir sind. Ohne Mechanismus (iii) etwa – die Evolution durch schöpferische Liebe – bliebe jedweder (im weitesten Sinne) kulturelle Fortschritt unerklärlich; denn ohne unseren Einfallsreichtum – der übrigens stets der Einfallsreichtum Einzelner ist – würden wir alle immer noch in Höhlen hausen. Trotzdem wird Mechanismus (iii) oft übersehen oder sogar mutwillig hinwegerklärt, das heißt auf einen der anderen Mechanismen zu reduzieren versucht, die Evolution ermöglichen. Im Widerspruch zu dem, was die Maßgabe der Umfassendheit fordert.

Jede Torheit hat ihren Preis; auch ein solcher Reduktionismus in der Evolutionsphilosophie. Wer Mechanismus (iii) übersieht oder forterklärt, muß sich nicht wundern, wenn er den Eindruck einer unfreundlichen, ja unmenschlichen Welt schafft. Einer Welt, in der Zufall – Mechanismus (i) –  und Naturnotwendigkeit – Mechanismus (ii) – herrschen, doch der einzelne Mensch nichts ausrichten kann. Man wird es nicht für übertrieben halten, wenn ich diesen Eindruck als künstlich niederdrückend beschreibe; als geeignet, Resignation und Depression auch dort hervorzurufen, wo wenig Anlaß besteht. Es liegt daher in unserem Interesse, uns auf keinerlei Reduktionismus einzulassen! Und – als Akt der Nächstenliebe – den Reduktionismus in der Evolutionsphilosophie zu bekämpfen.

Eine Welt, in der der Einzelne nichts ausrichten kann, beschreiben viele deutsche Schulbücher aus den 1970er Jahren – in „kritischer“ Absicht. Sie erweisen sich damit als in genau der Weise künstlich niederdrückend, die soeben beschrieben wurde. Schoeck macht deren ganze Perfidie deutlich:

Anschauungsbeispiele für etwas Schönes, Gelungenes, für das Kunstwerk, das in seiner Abgrenzbarkeit von der Umgebung, in seiner geglückten Ganzheit ein Erlebnis, wenigstens eine Ahnung von Sinn vermitteln könnte, werden aus der Schule verbannt. Erzählungen und Abbildungen geglückter Unternehmungen (das Betreten des Mondes ebenso wie Lindberghs Alleinflug über den Atlantik, ein Gedicht oder Gemälde) werden in vielen Fällen nur noch ins Schulbuch aufgenommen, wenn sie mit Bildern oder Texten eingerahmt sind, aus denen menschliches Versagen zu sprechen scheint. Das linke Lernziel heißt: schon das elfjährige Kind soll spüren, dein Leben in dieser Gesellschaft, in dieser Zeit ist sinnlos, ist überflüssig. Wie ein riesiger Staubsauger, der […] mit Dutzenden von Schläuchen aus der Seele des Kindes jeden Winkel absaugt, in dem noch ein Rest von Sinn verborgen sein könnte, sind die linken Lernziele […] ein wohlüberlegtes Instrument zur Abtötung jedes Erlebnisses von Sinn.

Welche enorme Gefahr für die seelische Gesundheit dies mit sich bringt, kann man z.B. den Ausführungen des Psychotherapeuten Professor Viktor E. Frankl, „Der Mensch auf der Suche nach Sinn“ […], entnehmen. Er sieht seit mehreren Jahren auf die Jugend eine ganz neue Art von Neurose zukommen. Diese hat mit den herkömmlichen Konflikten und Komplexen […] wenig zu tun. Es handelt sich nach seinen Beobachtungen bei jungen Menschen in zahlreichen westlichen Ländern um Gewissenskonflikte und eine „existentielle Frustration […], um ein Gefühl der Sinnlosigkeit der eigenen Existenz; das eigene Dasein habe keinen Sinn. Es läßt sich vorstellen, wie diese für unsere Zeit ohnehin typische Ursache seelischer Erkrankung in der Schule als „Lernziel“ bei Kindern wirkt.[19]

Natürlich scheint dem eigenen Dasein der Sinn zu mangeln, wenn man eingetrichtert bekommt, daß der Einzelne weder etwas gestalten, noch ausrichten könne! Wer jungen Menschen Mechanismus (iii) – die Evolution durch schöpferische Liebe, Einsatz und Gehirnschmalz des Einzelnen – vorenthält oder durch Gewissenskonflikte verstellt, für die es keinen sachlichen Anlaß gibt, handelt verantwortungslos. Ob als Schulbuchredakteur, Lehrer oder Dozent.