• „Vom besonderen Unglück tüchtigerer Minderheiten. Eine Reaktualisierung des Werks von Helmut Schoeck“ jetzt im Open Access erhältlich.

    Meine 2023 publizierte Monographie über den Soziologen und Neidforscher Helmut Schoeck steht jetzt im Open Access zur Verfügung. Sie finden den Link zum kostenlosen Download des Buches hier, im Repositorium „Opus“ der Schlesischen Universität in Katowice (Kattowitz), Polen.

    Natürlich ist die ‚traditionelle‘ Ausgabe, ein gebundenes Buch mit schönem Satz auf cremefarbenem Papier weiterhin erhältlich.

  • Der 1926 geborene Philosoph Hermann Lübbe bemerkt 1978:

    Die Generation, der Ende der sechziger Jahre die neomarxistische Anweisung auf eine ganz andere Zukunft ein intellektuelles und moralisches Erweckungserlebnis bereitete, lehrt heute in Schulen und Volkshochschulen, redigiert Rundfunkprogramme und Parteitagsresolutionen. Sie sitzt auch in ministeriellen Beratergremien und ist in Referentenpositionen gelangt.

    Das kommt bekannt vor, wiewohl aus heutiger Sicht eher von Hoch- als von Volkshochschulen die Rede sein sollte. Und wurde vor bald einem halben Jahrhundert geschrieben – in, was den eingeschalteten Relativsatz angeht, hinreißendem Stil.

    Die Folge?

    Ein ikonoklastischer Fanatismus gegen das emanzipatorisch Irrelevante verbreitete sich…

    Köstlich! Bitte lesen Sie die Passage noch einmal:

    Ein ikonoklastischer Fanatismus gegen das emanzipatorisch Irrelevante verbreitete sich, und Resignation unter Gelehrten, die unter solchen Bedingungen studentisches Interesse für die philosophiehistorische Metaphorologie der nackten Wahrheit oder für römische Sarkophage wecken sollten.

    So sind unsere woken oder sonstwie linken Freunde. Wo sie eine Wüste hinterlassen, nennen sie es Fortschritt.

    (Hermann Lübbe, „Über den Grund unseres Interesses an historischen Gegenständen. Kulturelle und politische Funktionen der historischen Geisteswissenschaften“, in: Hellmut Flashar et al. (Hg.) Geisteswissenschaft als Aufgabe, Berlin u. New York: de Gruyter 1978, S. 179-193, hier S. 180-181.)

  • Zwei Plakate der Linken im niedersächsächsischen Kommunalwahlkampf, nur wenige Dutzend Meter von einander entfernt: das eine fordert gute Bildung für alle, das andere will keinen Raum für rechte Hetze. – Ja, was denn nun, Genossen? Ihr müßt euch schon entscheiden…

  • William Shakespeare über den Kairos

    Der Kairos, ein besonders gesegneter, da ungemein erfüllender oder fruchtbringender Augenblick, spielt in Stefan Georges Dichtung eine bedeutende Rolle. Natürlich kommt die Sache schon bei William Shakespeare vor – als Salzwasser-Metapher, wie es sich für einen Insel-Barden gehört:

    There is a tide in the affairs of men,
    Which, taken at the flood, leads on to fortune;
    Omitted, all the voyage of their life
    Is bound in shallows and in miseries.
    On such a full sea are we now afloat;
    And we must take the current when it serves,
    Or lose our ventures.

    August Wilhelm Schlegel übersetzt:

    Der Strom der menschlichen Geschäfte wechselt:
    Nimmt man die Flut wahr, führet sie zum Glück;
    Versäumt man sie, so muß die ganze Reise
    Des Lebens sich durch Not und Klippen winden.
    Wir sind nun flott auf solcher hohen See
    Und müssen, wenn der Strom uns hebt, ihn nutzen;
    Wo nicht, verlieren wir des Zufalls Gunst.

    Carpe diem, Freunde. Nutzt die Tide, wenn sie günstig ist.

    (William Shakespeare, Julius Caesar, Act IV, Scene iii, auf den Shakespeare-Seiten des MIT; vierter Aufzug, dritte Szene der Schlegelschen Übersetzung bei Zeno. Beitragsbild: Tobacco Bay, Bermuda: ships in the bay, and a source of fresh water for them on land. Aquatint by J. Wells after Porgay, 1803, Wellcome Collection, Public Domain Mark.)

  • Als Ergänzung zum Beitrag über König Charles III. in den Vereinigten Staaten von Amerika seien bezüglich dessen, was sich am ehesten als Stil-Defizit unserer Landsleute beschreiben läßt, wo immer Politisches gelebt oder besprochen wird, zwei ergänzende Beispiele angeführt: Jacob Rees-Moggs stilvolle, doch mitleidlose Bemerkungen über Keir Starmer einerseits, andererseits jene von Hans-Ulrich Jörges über Friedrich Merz.

    Man höre sich das an und bilde sich ein Urteil, welche Art zu sprechen, welche Art, sich selbst darzubieten, dem Gemeinwesen, ob Königreich oder Republik, zu größerem Segen gereichen dürfte.

  • Wenn man sich Clips vom Besuch König Charles III. in den Vereinigten Staaten von Amerika ansieht, seinen Ansprachen zuhört, wird deutlich, wie sehr es der bundesdeutschen Politik an Stil mangelt, weshalb denn auch vergleichbar erhebende Momente diesseits der Anglosphäre ausbleiben.

    Es gibt keinen Anlaß zu der Annahme, das werde sich in naher oder ferner Zukunft ändern. „Der kleinbürgerliche Charakter der bundesdeutschen Politikszene“, so Rolf Peter Sieferle, „ist eine allgemein bekannte und und vielbelächelte Angelegenheit.“ Er verdanke sich „der Tatsache, daß es in Deutschland keine kulturell geschlossene herrschende Klasse gibt“, sowie auch einem „Sozialdemokratismus“, dem „Differenzen aller Art für schlechthin unerträglich gelten“.

    (Zitate aus: Rolf Peter Sieferle, Finis Germania, Schnellroda 2017, S. 21, 23, 25.)

  • Maxime (IV)

    Maxime (IV)

    Lieber S-Klasse als Arbeiterklasse.

    (Graphik: Pixabay.)

  • Maxime (III)

    Es gibt keine schwierigen Themen, bloß schwierige Gesprächspartner.

  • Coda (zum vorigen Post)

    Nachdem der Hagere und der Üppige das Weinlokal verlassen hatten, klaubte der Kellner die paar Groschen Trinkgeldes vom Tisch, sein von graumeliertem Haar bedecktes Haupt kaum merklich schüttelnd und einen Fluch südslawischer Herkunft diskret am Gaumen zerdrückend. Einige Fetzen ihres Gesprächs hatte er aufgeschnappt. „Wenn die Religion die Antwort auf die Trostlosigkeit des Lebens ist“, sprach er langsam und fast ohne Akzent vor sich her, „was ist dann die Antwort auf die Trostlosigkeit der Religion?“

    (Bild: Claude Monet, Rue de la Bavole, Honfleur, um 1864, gemeinfrei.)