• „Vom besonderen Unglück tüchtigerer Minderheiten. Eine Reaktualisierung des Werks von Helmut Schoeck“ jetzt im Open Access erhältlich.

    Meine 2023 publizierte Monographie über den Soziologen und Neidforscher Helmut Schoeck steht jetzt im Open Access zur Verfügung. Sie finden den Link zum kostenlosen Download des Buches hier, im Repositorium „Opus“ der Schlesischen Universität in Katowice (Kattowitz), Polen.

    Natürlich ist die ‚traditionelle‘ Ausgabe, ein gebundenes Buch mit schönem Satz auf cremefarbenem Papier weiterhin erhältlich.

  • Polen lacht

    Und zwar über uns, Landsleute, zuweilen wenigstens. So leid es mir tut.

    Kurz nachdem ich vor mehr als zwei Jahrzehnten nach Polen ausgewandert war, um an dortigen Hochschulen zu lehren, erntete ich auf einem Klassentreffen mitleidige Blicke. Man schaute mich an, als hätte ich mich dazu entschlossen, in Togo oder Tansania zu leben, und zweifelte an meinem Verstand.

    Inzwischen stellt sich die Sache anders dar. In den sozialen Medien tobt der Polen-Hype. Seit etwa zwei Jahren werde ich, sofern in Österreich oder Bundesdeutschland, immer wieder auf Polen angesprochen, und zwar positiv. Mit meinem Verstand war also doch alles in Ordnung. Meine Wette auf unseren Nachbarstaat jenseits von Oder und Neiße ist wider Erwarten der damaligen Spötter aufgegangen. Und da ich ein wenig rachsüchtig bin, reibe ich meinen Landsleuten gern unter die Nase, wie lange eine Einkommenssteuer-Erklärung in der Republik Polen dauert: einige Klicks und wenige Minuten auf der Benutzeroberfläche des E-Urząd Skarbowy, der Internetpräsenz meines hiesigen Finanzamts.

    Doch will ich nicht kleinlich sein. Immerhin kann man vielen Sachbearbeiter*innen deutscher Ämter noch ein Fax schicken, wie auf deren papierner Korrespondenz anstelle einer Email-Adresse vermerkt.[1] Das rief wieherndes Gelächter bei einem meiner polnischen Kollegen hervor: „Karsten, wann hast Du zuletzt ein Faxgerät gesehen, geschweige denn bedient? 1995?“

    *

    Deutsche, die polnische Städte und Landschaften besichtigen, gebrauchen gern das Wort „noch“. In Polen sei es „noch“ in Ordnung, es gebe dies oder das „noch“, diese oder jener Fehlentwicklung „noch“ nicht. Man mag dergleichen als Anzeichen deutscher Arroganz inkriminieren oder mit Nachsicht betrachten. In jedem Falle zeugt es davon, daß mit jedem solchen „noch“ der Sprecher einen linearen Verlauf der Geschichte annimmt – mit Deutschland stets vor Polen, näher an Welt- oder Ungeist, im Guten wie im Schlechten.

    Nun haben unsere Landsleute bekanntlich ein Problem mit der Empirie. Sie wird nur allzuoft ignoriert, wo sie liebgewonnene Theorien bedroht; alles andere wäre ja oberflächlich, von schlechterdings angelsächsischer Nüchternheit, „rechenhaft“ (Max Scheler) und ein Symptom von „Nutzsucht“ (Stefan George), das heißt Utilitarismus. Diese spezifisch deutsche Empirie-Feindlichkeit fing mit der Verelendungsthese bezüglich der ‚Proletarier‘ im Kapitalismus nicht an[2] und wird mit den Kapriolen der Klima-‚Wissenschaft‘ nicht enden. Die Erfahrungswirklichkeit stört deutsche Denker – sorry, Denker*innen – klassischerweise mehr als andere. Der woke Unsinn an den Universitäten der Anglosphäre tut dem keinen Abbruch.

    Es ziemt sich den Deutschen daher, eifriger – also mit dem ehrlichen Wunsch, etwas zu lernen – und genauer hinzusehen, wo es um Polen (Land und Leute) geht, und weniger zu schwadronieren. Dies gilt ganz sicher für den Artikel von Markus C. Kerber auf dem TUMULT-Blog (15.04.2026), in dem bezüglich des „zerstrittenen“ Landes Polen verkannt wird, daß divergierende Meinungen und Zielvorstellungen von Freiheit zeugen. Einigkeit gibt es in Nordkorea. Schreibt Kerber von „expansionistischen Kriege[n] Polens nach der Neugründung des polnischen Staates ab 1919 zur Schaffung eines großpolnischen-litauischen-weißrussischen Reiches“,[3] übersieht oder verschweigt er die Realien im übrigen Ost(mittel)europa, vom Balkan bis zum Baltikum. Fallen Imperien, pflegen ihre Nachfolger-Staaten einander anzufallen, um günstigere Grenzen zu ziehen – übrigens nicht nur in der Alten Welt. Polen aus diesem Gesamt-Szenario herauszunehmen, um es als Störenfried zu charakterisieren, liegt gefährlich nah an einer suggestio falsi. Kurios zudem, daß Kerber den Polnisch-Sowjetischen Krieg (1919-1920) ungenannt läßt – sollte nicht jedes Bedrohungsgefühl seitens der Polen Illusion gewesen sein?

    Das Gebot, genauer hinzusehen, gilt freilich auch dort, wo positiv über Polen und seine Bürger geschrieben wird. Wenn Rainer Zitelmann in seinem sympathischen Buch Der Aufstieg des Drachen und des weißen Adlers (München 2023) feststellt, daß die Polen vergleichsweise wenig Sozialneid verspüren, hat diese frohe Botschaft bei fast jedem meiner polnischen Bekannten ein herzhaftes Lachen ausgelöst. Wo Zitelmann seine Umfrage habe durchführen lassen, wurde gefragt, während man lächelnd sein Haupt schüttelte.

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  • Der 1926 geborene Philosoph Hermann Lübbe bemerkt 1978:

    Die Generation, der Ende der sechziger Jahre die neomarxistische Anweisung auf eine ganz andere Zukunft ein intellektuelles und moralisches Erweckungserlebnis bereitete, lehrt heute in Schulen und Volkshochschulen, redigiert Rundfunkprogramme und Parteitagsresolutionen. Sie sitzt auch in ministeriellen Beratergremien und ist in Referentenpositionen gelangt.

    Das kommt bekannt vor, wiewohl aus heutiger Sicht eher von Hoch- als von Volkshochschulen die Rede sein sollte. Und wurde vor bald einem halben Jahrhundert geschrieben – in, was den eingeschalteten Relativsatz angeht, hinreißendem Stil.

    Die Folge?

    Ein ikonoklastischer Fanatismus gegen das emanzipatorisch Irrelevante verbreitete sich…

    Köstlich! Bitte lesen Sie die Passage noch einmal:

    Ein ikonoklastischer Fanatismus gegen das emanzipatorisch Irrelevante verbreitete sich, und Resignation unter Gelehrten, die unter solchen Bedingungen studentisches Interesse für die philosophiehistorische Metaphorologie der nackten Wahrheit oder für römische Sarkophage wecken sollten.

    So sind unsere woken oder sonstwie linken Freunde. Wo sie eine Wüste hinterlassen, nennen sie es Fortschritt.

    (Hermann Lübbe, „Über den Grund unseres Interesses an historischen Gegenständen. Kulturelle und politische Funktionen der historischen Geisteswissenschaften“, in: Hellmut Flashar et al. (Hg.) Geisteswissenschaft als Aufgabe, Berlin u. New York: de Gruyter 1978, S. 179-193, hier S. 180-181.)

  • Zwei Plakate der Linken im niedersächsächsischen Kommunalwahlkampf, nur wenige Dutzend Meter von einander entfernt: das eine fordert gute Bildung für alle, das andere will keinen Raum für rechte Hetze. – Ja, was denn nun, Genossen? Ihr müßt euch schon entscheiden…

  • William Shakespeare über den Kairos

    Der Kairos, ein besonders gesegneter, da ungemein erfüllender oder fruchtbringender Augenblick, spielt in Stefan Georges Dichtung eine bedeutende Rolle. Natürlich kommt die Sache schon bei William Shakespeare vor – als Salzwasser-Metapher, wie es sich für einen Insel-Barden gehört:

    There is a tide in the affairs of men,
    Which, taken at the flood, leads on to fortune;
    Omitted, all the voyage of their life
    Is bound in shallows and in miseries.
    On such a full sea are we now afloat;
    And we must take the current when it serves,
    Or lose our ventures.

    August Wilhelm Schlegel übersetzt:

    Der Strom der menschlichen Geschäfte wechselt:
    Nimmt man die Flut wahr, führet sie zum Glück;
    Versäumt man sie, so muß die ganze Reise
    Des Lebens sich durch Not und Klippen winden.
    Wir sind nun flott auf solcher hohen See
    Und müssen, wenn der Strom uns hebt, ihn nutzen;
    Wo nicht, verlieren wir des Zufalls Gunst.

    Carpe diem, Freunde. Nutzt die Tide, wenn sie günstig ist.

    (William Shakespeare, Julius Caesar, Act IV, Scene iii, auf den Shakespeare-Seiten des MIT; vierter Aufzug, dritte Szene der Schlegelschen Übersetzung bei Zeno. Beitragsbild: Tobacco Bay, Bermuda: ships in the bay, and a source of fresh water for them on land. Aquatint by J. Wells after Porgay, 1803, Wellcome Collection, Public Domain Mark.)

  • Als Ergänzung zum Beitrag über König Charles III. in den Vereinigten Staaten von Amerika seien bezüglich dessen, was sich am ehesten als Stil-Defizit unserer Landsleute beschreiben läßt, wo immer Politisches gelebt oder besprochen wird, zwei ergänzende Beispiele angeführt: Jacob Rees-Moggs stilvolle, doch mitleidlose Bemerkungen über Keir Starmer einerseits, andererseits jene von Hans-Ulrich Jörges über Friedrich Merz.

    Man höre sich das an und bilde sich ein Urteil, welche Art zu sprechen, welche Art, sich selbst darzubieten, dem Gemeinwesen, ob Königreich oder Republik, zu größerem Segen gereichen dürfte.

  • Wenn man sich Clips vom Besuch König Charles III. in den Vereinigten Staaten von Amerika ansieht, seinen Ansprachen zuhört, wird deutlich, wie sehr es der bundesdeutschen Politik an Stil mangelt, weshalb denn auch vergleichbar erhebende Momente diesseits der Anglosphäre ausbleiben.

    Es gibt keinen Anlaß zu der Annahme, das werde sich in naher oder ferner Zukunft ändern. „Der kleinbürgerliche Charakter der bundesdeutschen Politikszene“, so Rolf Peter Sieferle, „ist eine allgemein bekannte und und vielbelächelte Angelegenheit.“ Er verdanke sich „der Tatsache, daß es in Deutschland keine kulturell geschlossene herrschende Klasse gibt“, sowie auch einem „Sozialdemokratismus“, dem „Differenzen aller Art für schlechthin unerträglich gelten“.

    (Zitate aus: Rolf Peter Sieferle, Finis Germania, Schnellroda 2017, S. 21, 23, 25.)

  • Maxime (IV)

    Maxime (IV)

    Lieber S-Klasse als Arbeiterklasse.

    (Graphik: Pixabay.)

  • Maxime (III)

    Es gibt keine schwierigen Themen, bloß schwierige Gesprächspartner.