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    Zur Kontroverse um Götz Alys „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“

    Wortfolge/Szyk Słów 1 (2017), S. 39-62 (zitierfähiges PDF)

    Die folgenden Seiten betrachten einige Aspekte des im Jahr 2011 erschienenen Buches Warum die Deutschen? Warum die Juden? von Götz Aly, das den Untertitel Gleichheit, Neid und Rassenhass trägt,[1] sowie ausgewählte Reaktionen auf dieses Werk in der deutschsprachigen Presse. Dabei werden besonders die logische Struktur und die – natürlicherweise teils impliziten – Voraussetzungen der Argumentation des in Rede stehenden Buches, als auch der Rezensionen und Kommentare in den Blick gefaßt. Eine solche Unternehmung verspricht Gewinn, weil dort, wo auf den Neid und dessen Folgen abgehoben wird, lehrreiche Verzerrungen und Mißverständnisse selten auf sich warten lassen.

    Alys Argumentation

    Der Titel des Aly’schen Buches stellt zwei Fragen, die im Wesentlichen durch den mittleren Eintrag im Untertitel beantwortet werden. Es sei vor allem der Neid gewesen, der die Deutschen zur Judenfeindschaft getrieben habe – eine Einschätzung, die viele Zeitzeugen jüdischer und nicht-jüdischer Herkunft teilten (Aly 2011:92-93, 110-113, 186-187). Zum Anlaß habe gereicht, daß die Juden in Deutschland all jene Möglichkeiten, die die sich öffnende und industrialisierende Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts bot, besser – das ist: öfter und früher, gründlicher und umfassender – genutzt hätten als ihre nicht-jüdischen Nachbarn. Zu den wichtigsten Ursachen für diesen Unterschied zählt der Verfasser bestimmte Züge der jüdischen Kultur, die man als „Bildungswille“ (Aly 2011:38) zusammenfassen kann. Jüdische Eltern zeigten sich äußerer Armut ungeachtet sehr oft bereit, bis zu einem Sechstel ihrer Einkünfte für den Hebräisch- und Elementarunterricht ihrer Söhne auszugeben. Die Stunden vermittelten eine Sprache, die den Zugang zu den Quellen der eigenen Religion ermöglichte, doch im Umgang mit nicht-Juden durch (wenigstens) eine weitere Sprache ergänzt werden mußte. Das Ergebnis beschreibt Aly wie folgt:

    Jüdische Jünglinge lernten zu abstrahieren, zu fragen, nachzudenken. Sie schulten den Verstand am Umgang mit Büchern, im gemeinsamen Lesen und Auslegen und im kontroversen Debattieren der heiligen Schriften. So trieben sie geistige Gymnastik, so praktizierten sie ihre Religion und wurden im wörtlichen Sinne mündig. Zudem beherrschten Juden meistens zwei oder drei Sprachen mit ihren unterschiedlichen Grammatiken und Ausdrucksfinessen. Vielfach benutzten sie neben der hebräischen auch die lateinische Schrift. Derart geschulte junge Männer verfügten über eine gediegene, leicht ausbaufähige intellektuelle Basis für den Aufstieg kraft Bildung. (Aly 2011:38)

    Über die religiösen und weltlichen Bildungsbemühungen der christlichen Gegenseite vermerkt der Autor, sie „legten Wert auf das Auswendiglernen von Glaubenssätzen, hielten Diskussionen für Teufelszeug, vor dem sie die ‚Laien‘ bewahren müssten […]. […] Bis ins 20. Jahrhundert hinein warnten christliche Eltern ihre Kinder: ‚Lesen verdirbt die Augen!‘“ (Aly 2011:39) In der Folge habe die christliche Mehrheit eine weit geringere Mobilität hin zu Bildung und Wohlstand an den Tag gelegt, als sie bei den Juden zu beobachten war.

    Nun reicht der Hinweis auf den Neid angesichts kultureller und also auch materieller Unterschiede natürlich nicht hin, die Ausgrenzung und Ermordung der deutschen und europäischen Juden zu erklären. Neid ist etwas Allgemein-Menschliches; Antisemitismus als Ausfluß des Neides etwas recht Verbreitetes[2]; die massenhafte Tötung der Beneideten eine Ausnahme. Darum führt Aly drei weitere historische Umstände an, die seiner Meinung nach dazu beigetragen haben, aus der schwelenden Disposition einen lodernden Brand zu fachen: (1) den wachsenden Erfolg nicht-jüdischer Deutscher, was Bildung und soziale Mobilität in die höheren Ränge der Gesellschaft angeht; (2) die zunehmende Desavouierung des überkommenen – gern als „bürgerlich“ bezeichneten, aber natürlich weit älteren – Begriffs von Eigentum durch die sozialistische Bewegung; (3) die Vermählung von sozialistischem und nationalistischem, auch rassistischem Denken. Die einzelnen Punkte sollen nun je für sich dargestellt werden.

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    Viva Mitteleuropa!

    György Schöpflin schreibt in der Druck-Ausgabe von Tichys Einblick (8/2018, S. 22), die durchweg empfehlenswert finde, man habe in Ostmitteleuropa oder, wie er es nennt,

    Mitteleuropa einen besonderen Stil des Denkens, […] eine besondere Art, Ideen und Probleme zu strukturieren. Das Erbe der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Auffassung von Nation und Nationalismus ist eine intensive Emotionalität, die durch Ironie und Skeptizismus gemildert wird.

    Das ist eine gute Einführung für unsere grünwählenden Gut- und Bessermenschen, deren Auffassung von Nation und Nationalismus von allesverzehrendem Selbsthaß geprägt ist, der durch keinerlei Ironie und Skeptizismus gemildert wird.

    Wie dem auch sei; passend zum Thema „(Ost-)Mitteleuropa“ bietet Dushan Wegner einen launigen Text über Plzeň/Pilsen, Tschechien und Polen. Die intensive Emotionalität, von der oben die Rede war, zeigt sich hier – in den Kommentaren nämlich – vor allem in der Frage, woher der Braumeister stamme, welcher in Pilsen das Pilsener erfunden habe.

    Natürlich enthält Wegners Essay auch eine ernstere Note – so in dem Hieb auf ein in Norddeutschland beheimatetes und kaum anders als überflüssig zu bezeichnendes Nachrichtenmagazin, es moniere, „dass das katholische Polen nicht um Menschen wirbt, deren Religion ihnen zu verbieten scheint, sich Juden oder Christen zu Freunden zu nehmen“.

    23,5% meines Bekanntenkreises beiderseits der Oder/Odra dürften diese Einschätzung reichlich undifferenziert finden.

    Unterdessen empfiehlt David P. Goldman (Spengler) Ungarn als eines der Länder in Europa, in dem Juden am sichersten leben können. Dazu auch das kurze Interview mit Ezra Levant.

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    R.R. Reno & The Uses of Corruption

    In der März-Ausgabe der polnischen Monatszeitschrift Znak nennt R.R. Reno, Herausgeber von First Things, ein schönes Beispiel für dasjenige, was Theodore Dalrymple (Anthony Daniels) in seinem gleichnamigen Aufsatz als The Uses of Corruption beschreibt:

    Watykańska korupcja i niekompetencja są legendarne. Iluzoryczne jest jednak przekonanie, że możemy pozbyć się instytucjonalnych przywar, nie tworząc w ich miejsce innych form zła. Skuteczna biurokracja zwiększa administracyjną władzę, co oznacza, że kiepskie idee mogą być szybciej wprowadzane w życie. Proszę sobie wyobrazić, jak źle potoczyłaby się historia Kościoła, gdyby w latach 70. XX w. posoborowi, postępowi radykałowie mieli do dyspozycji niemieckich urzędników, a nie włoskich księży.

    (Korruption und Inkompetenz im Vatikan sind legendär. Es ist jedoch illusorisch zu meinen, man könne sich institutioneller Laster entledigen, ohne an deren Stelle neue Übel zu schaffen. Eine effiziente Bürokratie stärkt die Regierungsmacht, was dazu führt, daß zweifelhafte Ideen desto schneller umgesetzt werden können. Stellen Sie sich bitte vor, wie schlecht die Geschichte der katholischen Kirche verlaufen wäre, wenn in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die radikalen Fortschrittler nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil deutsche Beamte zur Verfügung gehabt hätten – und keine italienischen Priester.)

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    Stefan George (12.07.1868-4.12.1933)

    Heute vor einhundertfünfzig Jahren wurde Stefan George geboren. Ein Leserbrief-Schreiber auf der Achse des Guten fragt, warum er lesen solle, was „dieses unverständliche, mystisch überzogene Ego“ verfaßt habe.  Nun, darum vielleicht:

    Sie sagen dass bei meinem sang die blätter
    Und die gestirne beben vor entzücken ·
    Dass die behenden wellen lauschend säumen ·
    Ja dass sich menschen trösten und versöhnen.
    Erinna weiss es nicht · sie fühlt es nicht.
    Sie steht allein am meere stumm und denkt:
    So war Eurialus beim rossetummeln
    So kam Eurialus geschmückt vom mahle –
    Wie mag er sein bei meinem neuen liede?
    Wie ist Eurialus vorm blick der liebe?

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    Max Scheler: Staat und Kunst

    Ein kluges Wort aus einem schlimmen Buche: „Kultur freilich, deren Schöpfer der Staat sein will, Kultur auf Grund von Staatsauftrag ist meist nur Öldruck und Kulisse.“ Max Scheler, Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg, Leipzig 1917 (dritte Auflage), S. 67.

    Photographie (Wikipedia, gemeinfrei): Hannover, ein Gebäude der Leibniz-Universität.