Zum kulturellen Hintergrund von Herberts „Krasnoludki“

Zum kulturellen Hintergrund von Herberts „Krasnoludki“

Wie der überaus interessante Blog „Lamus Dworski“ (in englischer Sprache) unterrichtet, war es in Polen üblich, Bauernhäuser mit Kräutern und anderen Pflanzen gegen Dämonen und – natürlich – den bösen Blick neidischer Nachbarn oder Passanten zu schützen. Und da wurden dann eben auch, in der Gegend um Warschau wenigstens, ganz wie die Krasnoludki (Zwerge) Zbigniew Herberts, Brennesseln über die Eingangstür gehängt, um Ruhe vor dies- und jenseitigen Bösewichtern zu haben. – Ein Überbleibsel aus der Zeit vor der Christianisierung Polens.

Ah, und falls Sie fragen: die Bezeichnung „Lamus dworski“ meint eine Art Wirtschaftsgebäude auf ländlichen Anwesen des Adels, in dem wertvolle Dokumente und Güter verwahrt wurden.

|

Da in den Wäldern (silvae)…

…Peter Rühmkorfs „Über das Volksvermögen“ erwähnt wird, erinnere ich mich plötzlich, wie an der Georgia Augusta eine Lehrveranstaltung für Erstsemester, deren Teilnehmer verschreckt und stocksteif darauf bedacht waren, sich nur ja keine Blöße zu geben, durch eine junge Frau ländlicher Anmutung, die noch vor wenigen Wochen eine Schulbank in, sagen wir, Winsen an der Luhe gedrückt haben mochte, gerettet – ja: gerettet – wurde; die Gute nämlich nahm, während sie ein vernichtend langweiliges Referat über Rühmkorf zu ertragen verurteilt war, den herumgehenden Band „Über das Volksvermögen“ in die Hand, öffnete ihn an beliebiger Stelle und begann, in den dort gesammelten und durchaus saftig-defitigen Reimereien der sogenannt einfachen Leute zu lesen. (Die ‚einfachen‘ Leute sind nur selten einfach, aber das nur am Rande.) Wie dem auch sei; die Zoten taten das Ihre, und die sympathische Studentin begann hemmungs-, aber auch lautlos – sie wollte ja nicht stören – zu lachen, schlug eine Seite um, prustete annähernd stumm – eine Meisterleistung der Körperbeherrschung – los, um auch dasjenige, was ihrer dort harrte, angemessen zu rezipieren. Ihr Antlitz bekam die Farbe eines reifen Pfirsichs; ihre hellen Augen füllten Lachtränen, ihr Körper vibrierte unter dem Versuch, sich zu beherrschen. Schließlich übertrug sich ihre Freude auf uns, wiewohl wir einige Zeit kopfschüttelnd für naiv oder sonstwie unangemessen gehalten hatten (vielleicht auch nur unsicher gewesen waren), was sie – oder was sich mit ihr – tat; und selbst der melancholische Dozent vergaß, woran er gelitten hatte. Er strahlte sie und uns an.

Das also war sie, die Wirkung der Literatur.

Zbigniew Herbert: Krasnoludki (deutsch)

Zbigniew Herbert: Krasnoludki (deutsch)

Kra­sno­lud­ki ro­sną w le­sie. Mają spe­cy­ficz­ny za­pach i 
bia­łe bro­dy. Wy­stę­pu­ją po­je­dyn­czo. Gdy­by się dało ze­brać 
ich garść, usu­szyć i po­wie­sić nad drzwia­mi – może mie­li­by­śmy spo­kój.

Das ist: Zwerge kommen im Wald vor. Sie haben einen besonderen Geruch und weiße Bärte. Sie sind Einzelgänger. Gelänge es, eine Handvoll von ihnen zu fangen, sie zu trocknen und über der Eingangstür aufzuhängen, hätten wir womöglich Ruhe.

Weshalb Sauron gerade am 25. März ins Nichts stürzte…
|

Weshalb Sauron gerade am 25. März ins Nichts stürzte…

…sehen Sie auf diesem Gemälde von Fra Angelico. Es feiert den Moment der Verkündigung des Herrn (auch Mariä Verkündigung), und diese Begebenheit wird üblicherweise am 25. März gefeiert. Schauen Sie bitte auch in die linke obere Ecke des Bildes.

(Vgl. J.R.R. Tolkien, The Lord of the Rings, Appendix B, „The Great Years“, 3019, gegen Ende. Bild: Wikipedia.)

|

Ernst Jünger

Seien wir auf der Hut vor der größten Gefahr, die es gibt – davor, daß uns das Leben etwas Gewöhnliches wird. Welcher Stoff zu bewältigen ist und welche Mittel zur Verfügung stehen – jene Wärme des Blutes, die unmittelbar Fühlung nimmt, darf nicht verloren gehen. Der Feind, der sie besitzt, ist uns wertvoller als der Freund, der sie nicht kennt.

Aus: Ernst Jünger, Das abenteuerliche Herz, erste Fassung, siebenter Eintrag.

Sozialpartner in der Betreuungsindustrie

Sozialpartner in der Betreuungsindustrie

Ein Anblick zum Mäusemelken sind
Die fetten Keiler auf den Podien
Sinnloser Kongregationen, in Tagungszentren
Sich mästend von erpreßten Spesen,
Gottkönige des Fortschritts.

Schwerer
Bist Du zu ertragen, Kenner
Der windigen Szene, verbohrter
Jüngling und Gutmensch, Stipendien-
Schlucker,
Ressentiment im gelben Gesicht:

Verloren, jeder „Beweis“führung aus-
Geliefert, ein Rausch kenntnislosen Verdachts,
Eigener Scheuklappen Freund,
Zu feige für eigene Kinder,
Knüpfer der Schlinge, mit der Du
Wirst abgewürgt werden.

Dreist
Versprechen Dir viele, aufzustehen
Für Toleranz, gegen Unterdrückung zu ziehen
Mit dem Nachwuchs der Mauermörder.
Die Freiheit, sie wird die Partie
Verlieren. Denn es wechseln bloß
Ihr Panier die Vernichter:
Die Lust der Meute bleibt Mord.

***

Aus: Karsten Dahlmanns, Sonderlichs Sondierungen, Norderstedt 2018, über Amazon und in allen Buchhandlungen erhältlich. Eine weitere Leseprobe finden Sie hier und hier.

Der volle Titel des Gedichts lautet übrigens: „Sonderlich liest fortschrittliche Lyrik, verläßt das Haus, um sich eine Hose zu kaufen, und notiert nach der Rückkehr mit einer Feder auf einem Bogen handgeschöpften Büttenpapiers, den er mit der Überschrift „Sozialpartner in der Betreuungsindustrie“ versieht:“.

Mythos und Thymos
|

Mythos und Thymos

Auf dem Blog der Vierteljahresschrift Tumult erschienen: ein größeres Interview mit dem Schriftsteller Boris Preckwitz, das zu führen ich die Freude hatte. Leseempfehlung!

Stefan George (12.07.1868-4.12.1933)
|

Stefan George (12.07.1868-4.12.1933)

Heute vor einhundertfünfzig Jahren wurde Stefan George geboren. Ein Leserbrief-Schreiber auf der Achse des Guten fragt, warum er lesen solle, was „dieses unverständliche, mystisch überzogene Ego“ verfaßt habe.  Nun, darum vielleicht:

Sie sagen dass bei meinem sang die blätter
Und die gestirne beben vor entzücken ·
Dass die behenden wellen lauschend säumen ·
Ja dass sich menschen trösten und versöhnen.
Erinna weiss es nicht · sie fühlt es nicht.
Sie steht allein am meere stumm und denkt:
So war Eurialus beim rossetummeln
So kam Eurialus geschmückt vom mahle –
Wie mag er sein bei meinem neuen liede?
Wie ist Eurialus vorm blick der liebe?

Sonderlich liebt sein Berlin

Sonderlich liebt sein Berlin

Sonderlich liebt sein Berlin
Wie der Schulrat seinen Schiller,
Wie die Dame aus der Villa
Ihr diskretes Aspirin.

Sonderlich hegt sein Berlin,
Wie die Äffin den Gorilla,
Wie der sanfte Serienkiller
Seinen Kleine-Mädchen-Spleen.

Nichts gleicht Sonderlich darum
Zwischen Burg und Oder/Neiße
Sommertagen in der Stadt:

Nichts von Etwas findet statt.
Alles stinkt nach Hundescheiße,
Und man schwitzt sich langsam dumm.

*

Leseprobe aus: Karsten Dahlmanns (Hrsg.), Sonderlichs Sondierungen, Erzählungen und Gedichte, Norderstedt 2018. Inhalt: Vorrede des Herausgebers 9 – Göttingen als Lebensform 15 – In der Kitschkammer 25 – Sonderlichs Verse 33 – Der Narr von der Möckernbrücke 101 – Das ewige England 107 – Aus dem Vorort 117 – An der Grenze 129 – Verzeichnis der Gedichtanfänge und -überschriften 137. (Bildnachweis.)

Ein höflicher junger Mann…
|

Ein höflicher junger Mann…

…aus Deutschland, den ich da kürzlich in Krakau getroffen habe.  Doch hat er alle Üblichkeiten des sozialstaatlich-ökologischen Konsenses so brav repetiert, daß ich an Stanisław Jerzy Lec‘ Aphorismus denken mußte: „Czasem psy merdają łańcuchem.“ (Das ist: Manchmal wedeln die Hunde mit ihrer Kette.)

Quelle:  Stanisław Jerzy Lec, Myśli nieuczesane, Warschau 2017, S. 198. Bild: John Singer Sargent: Zeichnung von Edwin Austin Abbey (Wikimedia, gemeinfrei).