Neuerscheinung: Karsten Dahlmanns / Aneta Jachimowicz (Hrsg.), Geliebtes, verfluchtes Amerika
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Neuerscheinung: Karsten Dahlmanns / Aneta Jachimowicz (Hrsg.), Geliebtes, verfluchtes Amerika

Die Vereinigten Staaten von Amerika fungierten im deutschen Sprachraum zwischen 1888 und 1933 als Traum oder Alptraum, als eine Verkörperung von Moderne und Kapitalismus, die bewundert, verachtet oder gar gefürchtet wurde.  

14 Aufsätze erforschen das Verhältnis ausgewählter deutschsprachiger Dichter, Schriftsteller und Publizisten, Wissenschaftler und Architekten jener Zeit zu den USA. Besprochen werden so verschiedene Temperamente wie Alfred Kubin und Stefan George, Ernst Jünger und Erich Maria Remarque, Adolf Loos und Friedrich August von Hayek. Bekannte Schriftsteller wie Stefan Zweig und Joseph Roth haben ihren Auftritt, aber auch weniger bekannte Autorinnen und Autoren wie Bertha Eckstein-Diener, Marta Karlweis und Maria Leitner, Hugo Bettauer, Bernhard Kellermann und Arthur Rundt.

„Der Band zeichnet ein breitgefächertes, methodisch vielfältiges und überaus lesenswertes Panorama der Auseinandersetzung mit den USA in der Literatur und Publizistik der deutschsprachigen Länder vor und nach dem Ersten Weltkrieg.“ Prof. Wynfrid Kriegleder (Wien)

Friedrich Paulsen über die Nebenwirkungen von Prüfungen

Friedrich Paulsen über die Nebenwirkungen von Prüfungen

Der Philosoph und Pädagoge Friedrich Paulsen (1846-1908) teilt in seiner 1902 erschienenen Abhandlung Die deutschen Universitäten und das Universitätsstudium einige wertvolle Beobachtungen über die „unbeabsichtigte[n] Nebenwirkungen“ (S. 437) von Prüfungen mit, die jene – wie alles menschliche Tun – natürlicherweise besitzen:

Die in Aussicht stehende Prüfung lenkt notwendig das Interesse von der Sache ab auf das Bestehen der Prüfung hin. Von hier gehen empfindliche
Störungen des wissenschaftlichen Studiums aus; es wird ihm die Unbefangenheit genommen; das theoretische Interesse an der Sache wird zurückgedrängt durch Erwägungen dessen, was im Examen als nützlich und notwendig, was als entbehrlich oder gar nachteilig sich erweisen möge. Das Studium erhält so einen banausischen Charakter; es kann gradezu etwas von gemeiner Spekulation, etwa auf die bekannten Schwächen und
Liebhabereien des Examinators, sich einmischen. Leidet hierdurch auch die Sache, indem sie innerlich verächtlich wird, so geschieht dasselbe in anderer Richtung, wenn der Zwang der Prüfungsordnung zur Beschäftigung mit Dingen anhält, die für den Kandidaten keinen inneren
Wert haben, gleichzeitig ihn abhaltend, seinem spontanen Triebe zu anderen Dingen zu folgen. Ich zweifle nicht daran, dass das Repetieren von Leitfäden für Prüfungen, besonders in der sogenannten „allgemeinen Bildung“, nicht selten die Wirkung hat, Hass und Geringschätzung gegen die Gegenstände der Prüfung zu hinterlassen. (S. 438)

Schön, nicht wahr? Ein Echo aus zivilisierterer Zeit. Welche Liebe zur Sache spricht aus diesen Zeilen, welches Vertrauen auch in den talentierten Studenten, der ernsthaft bei der Sache ist, die er liebt!

Aufmerksamkeit verdient gleichfalls die Vertikale – die Skala der Wertungen. Unbefangenheit und theoretisches Interesse an der Sache hier, banausischer Charakter, gemeine Spekulation (Berechnung) dort.

Und: gepflegte Wissenschafts- oder meinethalben auch nur Sachprosa, schöner Gebrauch des Semikolons. Nacheifernswert.

(Bild: Paulsen im Jahr 1907. Wikipedia, gemeinfrei.)

Konstantin Kisin vs. Woke Culture
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Konstantin Kisin vs. Woke Culture

Der in Rußland geborene, im Vereinigten Königreich lebende Publizist Konstantin Kisin erklärt in diesem Auftritt von etwa neun Minuten, weshalb der Wokeism unserer Tage nicht nur blödsinnig, sondern auch verantwortungslos ist – etwa, sofern vorhanden, den eigenen Kindern gegenüber.

Es mag kein Zufall sein, daß mit Kisin ein Mensch, der nicht aus dem Westen stammt, die Menschen im Westen vor gefährlichen Torheiten warnt. Kisin weiß, was auf dem Spiel steht, weil er den Vergleich hat. Ganz in diesem Sinne bemerkt Jennifer Oliver O’Connell zu seiner Rede:

Kisin […] was born in Russia and emigrated to Europe, domiciling in Great Britain. So, he has not always benefited from living in the Western petri dishes where WOKENESS germinates and takes hold.

(Kisin wurde in Rußland geboren und emigrierte nach Westeuropa, er wohnt in Großbritannien. Er hat also nicht immer das Privileg genießen dürfen, in der westlichen Petrischale leben zu dürfen, wo Wokeness keimt und sich einnistet.)

Petrischale. Keine schlechte Metapher.

Zum Video (YT) geht’s hier. Eine nicht ganz vollständige deutsche Übersetzung der Rede finden Sie hier.

(Bild: Screenshot aus dem verlinkten Film.)

Aleksander hr. Fredro: Socyalizm
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Aleksander hr. Fredro: Socyalizm

Socyalizm nierówności wszelkie prędko utrze,
Szlachtę powiesi jutro, nie szlachtę pojutrze.

(Der Sozialismus wird alle Ungleichheiten rasch bereinigen.
Den Adel hängt er morgen, die Nicht-Adligen übermorgen.)

Aleksander hr. (Graf) Fredro, Dzieła (Werke), Bd. 13, Warschau 1880, S. 220. Alte Rechtschreibung.

Das Beitragsbild zeigt nicht Aleksander Fredro, den Sie hier sehen, sondern seinen Sohn Jan Aleksander Fredro, der wie sein Vater Theaterdichter und Schriftsteller war, in der Tracht des polnischen Adels mit leichtem Säbel (karabela). Jan Aleksander war eines zweier Kinder, die aus der Ehe Aleksander Fredros mit der gleichfalls aus adligem Hause stammenden Zofia Jabłonowska hervorgingen. Fredro senior hatte die in sehr, sehr jungen Jahren an einen achtzehn Jahre älteren, steinreichen Edelmann verheiratete Zofia 1817 in Lemberg kennengelernt. Es handelte sich, wenn man der polnischen Wikipedia glauben darf, um Liebe auf den ersten Blick. Doch sollte es zehn Jahre dauern, bis die erste Ehe Zofias geschieden werden konnte. Am 8. November 1828 endlich feierten Graf Aleksander Fredro und seine Zofia Hochzeit.

(Bild: Portret Jana Aleksandra Fredry w stroju szlacheckim. Quelle: Archiwum Nauki PAN i PAU w Krakowie. Prawa autorskie: Utwór w domenie publicznej.)

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„Wann sind Sie denn falsch abgebogen?“

Wer dem ökologistisch-kollektivistischen Konsens der Berliner Republik skeptisch gegenübersteht, dürfte diese Frage schon gehört haben. Sie wird für gewöhnlich in väterlich-besorgtem Ton vorgetragen, um die unterliegende Borniertheit zu kaschieren. Denn natürlich geht es gar nicht darum, falsch abgebogen zu sein. Sondern darum, überhaupt abgebogen zu sein. Fort von der Kollektivismus-Klippe, dem Öko-Abgrund, auf den sie zulaufen, die Lemminge.

„Auf das Reich Gottes!“

„Auf das Reich Gottes!“

Der evangelische Theologe Jochen Teuffel präsentiert auf seinem sehr interessanten Blog einen Vortrag des Dominikaners Timothy Radcliffe. Radcliffe berichtet von einem weiteren Dominikaner namens Gervase Mathew, einem Dozenten in Oxford, der mit J.R.R. Tolkien und C.S. Lewis befreundet war:

Als er im Sterben lag, rief er mich an sein Bett und schickte mich los, um ein paar Flaschen Bier zu kaufen. Ich ging hin und holte sie, weinend. Gervase hob seine Flasche an und sagte: „Auf das Reich Gottes.“ Eine vorbeigehende Krankenschwester sagte: „Pater Gervase, Sie wissen doch, dass Sie zu Ihren Tabletten nicht trinken dürfen?“ Er antwortete: „Seien Sie nicht so ein altes dummes Ding. Ich werde morgen früh sterben.“

(Bild: Pixabay.)

Milliardär sein?

Milliardär sein?

Mancher träumt davon, so reich zu sein wie Elon Musk. Das wirkt verständlich. Jeder könnte die eine oder andere Milliarde gebrauchen. Was dabei aber zumeist unberücksichtigt bleibt, ist das Arbeitspensum, die Auslastung (neudeutsch: Workload) solcher Leute. Wie Ben Carlson auf seinem Blog ausführt, arbeitet Musk sieben Tage die Woche von morgens bis abends. Zur Hochzeit seines Bruders – Musk war als Trauzeuge vorgesehen – flog er direkt von der Arbeit, um nach der Eheschließung sofort zum Tesla-Hauptquartier zurückzukehren. Die riesige Arbeitsbelastung geht auf Kosten von Gemahl, Kindern, Freunden und Bekannten. Es bleibt kaum Zeit, sie zu sehen:

The 10 richest men in the world have a combined 12 divorces between them.

(Die zehn reichsten Männer der Welt haben es zusammen auf zwölf Scheidungen gebracht.)

Nun haben Scheidungen vielerlei Gründe. Es geht hier nicht um ein ressentimentbefeuertes Argument des Zuschnitts „Siehst Du?! Das hast Du nun davon! Wärst Du nur bescheiden geblieben…“

Denn wichtig scheint vor allem dies: Die Vorstellung, der typische Milliardär sitze den lieben langen Tag in seiner Bibliothek, auf seiner Terasse oder dem Sonnendeck seiner Jacht, eine dicke Zigarre nach der anderen rauchend und am Sherry, Whisky oder anderen Hochpreis-Spirituosen nippend, während die Dividenden leise tickern (und die Welt unterdrückt wird), zählt zu den weniger geistreichen Elementen westlicher Folklore.

(Bild: Pixabay, bearbeitet.)

Henryk Haufa

Są ludzie, dla których – niezależnie od epoki – duch czasu ma jednakową postać. Przełożonego.

(Es gibt Leute, für die der Zeitgeist – unabhängig von der Epoche – ein und dieselbe Gestalt hat. Die des Vorgesetzten.)

Henryk Haufa, in: Joachim Glensk (Hrsg.), Współczesna aforystyka polska. Antologia 1945–1984, Łódź 1986, S. 133

777 Millionen

Der Ausbau des Bundeskanzleramts in Berlin soll mehr als eine dreiviertel Milliarde Euro kosten. Es wäre anständig gewesen, vom Ausbau des ohnehin gewaltigen – und bestürzend häßlichen – Bundeskanzleramts abzusehen und den Betrag den von galoppierender Inflation geplagten Bürgern in geeigneter Form zu erstatten. Natürlich wäre der Betrag per Bürger eher symbolischer Natur, aber für eins-zwei Burger dürfte er reichen. Aus Rindfleisch, versteht sich. Die Insektenburger können warten.

Nicht bloß anständig, sondern auch umsichtig wäre es gewesen, schon vor geraumer Zeit damit begonnen zu haben, wenigstens eine Ursache der Inflation zu bekämpfen, die zu bedeutendem Anteil als Grünflation bezeichnet zu werden verdient, weil sie aus ideologisch motivierter Brennstoff-Verknappung erwächst. Man hätte seine teutonisch verbiesterte, neuheidnisch unterfütterte Feindschaft gegen Kohle, Erdöl und Erdgas überwinden können. Ein wenig Fracking könnte ebenfalls nicht schaden, oder? Die große Gaia wird Euch nicht gleich zürnen, dessen bin ich sicher.

Nicht bloß anständig und umsichtig, sondern zudem ein achtenswerter Ausdruck von Lernfähigkeit wäre es gewesen, Kernkraftwerke nicht mehr unbesehen für Teufelszeug zu halten. Wir brauchen unsere noch betriebsfähigen Kernkraftwerke. Und wir brauchen mehr Kernkraftwerke. Laßt uns, Landsleute, den Windmühlen-Wahn beenden. Sich in unverspargelter Landschaft zu ergehen, welch ein Segen…

Aber zurück zum Bundeskanzleramt. Denn nicht bloß anständig, umsichtig und ein Ausdruck von Lernfähigkeit, sondern auch ein Zeichen von Weisheit in Staatsdingen – von Staatskunst im tieferen Sinne des Wortes – wäre es gewesen, die Idee eines noch riesenhafteren Kanzleramtsgebäudes von vornherein als das zu verwerfen, was sie ist: Symptom eines gewucherten, wuchernden Staates, der alles und jedes regeln will, den Bürger „betreut“ (Helmut Schelsky) und verzwergt.