Kürzlich in Krakau

Ein größeres Einkaufszentrum in Krakau, nach zwanzig Uhr, mäßig besucht. Unter den Leuten, die in seinem klimatisierten Innern zwischen den Geschäften flanieren, etwa ein Drittel ohne Maske. Ein weiteres Drittel trägt die Maske über dem Mund, aber unter der Nase. Das übrige Drittel trägt die Maske über Nase und Mund. Einige wenige wünschen größeren Abstand; sie signalisieren es mit ihrem Blick, und die ihnen Begegnenden machen eins-zwei Schritte zur Seite.

Die Anwesenden lassen einander in Ruhe. Keine Rechthabereien gehört. Zwei Security-Leute plaudern entspannt, die muskulösen Arme auf einem Geländer. Ohne Maske. Ein älterer Service-Mitarbeiter tritt hinzu, die Maske unter der Nase, während eine junge Frau vorbeischwebt, deren tadellos plazierte Maske farblich zu ihrem Kleid paßt. Lautsprecher-Durchsagen vom Band erinnern erneut an die Pflicht, Nase und Mund zu bedecken, Abstand zu halten etc., und an dem Stand, der frischgepreßte Fruchtsäfte feilbietet, beginnt man, die Gerätschaften zu säubern.

Soweit die Beobachtungen. Wie Sie das Geschilderte auffassen möchten, liegt ganz bei Ihnen.

Bild: Visitantinnen-Kirche in Krakau (Quelle), Aufnahme aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Własność: Polska Akademia Nauk. Prawa autorskie: Utwór w domenie publicznej.

Perfekter Tag

„Hohe Luft“ über Kleinpolen. Strahlender Sonnenschein in glasklarer Kälte. Die Streifenfelder zeichnen die Umrisse der wenigen Wolken nach. Auf den zumeist sehr schmalen Äckern sind die Haupt- oder Nebenerwerbsbauern mit ihren jahrzehntealten Ursus-Traktoren unterwegs, die ebenso unverwüstlich sind wie ihre Besitzer, zumal Letztere an Ersteren selbst herumschrauben können. Es ist Sankt Michaelis, Festtag des Erzengels Michael.

Wieder im Haus, finde ich die Mail eines Freundes aus Deutschland vor. Eine seiner Bekannten habe sich die Zeit genommen, Trumps Ansprache vor den Vereinten Nationen zur Gänze und im Original zu hören, halte das meiste davon für sehr vernünftig, weil die Trittbrettfahrerei auf Kosten der westlichen Führungsmacht aufhören müsse. Überhaupt habe sie manches überdacht, bedaure vorschnelle und harsch vorgetragene Urteile über den Mann, der mir die Mail geschrieben hat, sei über ihre Arroganz sogenannten Rechtspopulisten gegenüber erschüttert, wiewohl sie nicht allem, was sie auf dieser Seite des Spektrums höre, zustimmen könne und wolle. Jedoch bildeten, das sehe sie nun ein, eben sowohl die Emergenz neuer Parteien, als auch die Divergenz der Meinungen unablösbare Züge dessen, was man Demokratie und Freiheit zu nennen pflege. Mein Freund möge ihr, die, wenn ich recht orientiert bin, keine Verflossene ist, nachsehen, daß sie die letzten Jahre in unzureichend durchlüfteten Milieus übellauniger Ausrichtung verbracht, sich die tektonischen Verschiebungen im bundesdeutschen Diskurs – er habe lächeln müssen, als er dieses ihm lange schon albern scheinende Wort wie einen Bodensatz alter Sünde (a mind not to be chang’d) in ihrem Schreiben las – nur unzureichend bewußt gemacht habe. Der Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus leuchte ihr ein, seit einiger Zeit schon, habe sie geschrieben, wiewohl sie niemandem außer ihm kenne, zu dem sie darüber sprechen könne; und, ja, man müsse stets prüfen, ob derjenige, welcher hochtrabende Forderungen moralischer Natur vorbringt, von Liebe oder Ressentiment getragen werde.

Sie glauben das nicht? Ich (leider) auch nicht.

Wytrzymać – Aushalten

Der Krakauer Pfarrer Wojciech Węgrzyniak erzählt eine Anekdote, die mir nicht übel gefällt:

Na kolacji usiadłem naprzeciw starszego księdza. 45 lat kapłaństwa. W pewnym momencie mówię:

– Jak widzę starszych księży, to im gratuluję, że wytrzymali w kapłaństwie tyle lat. Dla młodszych to jest świadectwo. Już nawet nie pytam o jakość, ale sama ilość robi wrażenie.

Odpowiedź była krótka:

– Nie podoba mi się słowo „wytrzymali“. Ja po to poszedłem do seminarium, żeby być księdzem, a nie żeby wytrzymywać w kapłaństwie.

(Zum Abendessen setzte ich mich einem älteren Priester gegenüber. Fünfundvierzig Jahre Dienst als Geistlicher.

Nach einer Weile sagte ich zu ihm: „Immer wenn ich ältere Priester sehe, gratuliere ich ihnen dafür, so viele Jahre im Priesterstand ausgehalten zu haben. Für uns Jüngere ist das ein Zeugnis. Ich frage gar nicht erst nach der Qualität, schon die Menge macht Eindruck.“

Die Antwort war kurz: „Der Ausdruck ‚ausgehalten zu haben‘ gefällt mir nicht. Ich bin auf das Priesterseminar gegangen, um Priester zu werden, nicht deshalb, weil ich es als Geistlicher ‚aushalten‘ wollte.“)

Bild: Sankt-Annen-Kirche in Krakau. Quelle: Zbiory Specjalne, Biblioteka Naukowa PAU i PAN w Krakowie. Własność: Polska Akademia Umiejętności. Prawa autorskie: Utwór w domenie publicznej.

Owoce w szkole

Dies ist ein reichlich sechs Zentimeter langes Stück einer der Länge nach geteilten Karotte, die an einer kleinpolnischen Grundschule im Rahmen des Programms „Owoce w szkole“ (Obst in der Schule) überreicht wurde. Kaum etwas illustriert die Absurdität des europäischen Sozialstaats besser als dieses unschuldige Stückchen Karotte in seinem Plastiksäckchen.