Bundesrepublik Deutschland

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    Polen lacht

    Und zwar über uns, Landsleute, zuweilen wenigstens. So leid es mir tut.

    Kurz nachdem ich vor mehr als zwei Jahrzehnten nach Polen ausgewandert war, um an dortigen Hochschulen zu lehren, erntete ich auf einem Klassentreffen mitleidige Blicke. Man schaute mich an, als hätte ich mich dazu entschlossen, in Togo oder Tansania zu leben, und zweifelte an meinem Verstand.

    Inzwischen stellt sich die Sache anders dar. In den sozialen Medien tobt der Polen-Hype. Seit etwa zwei Jahren werde ich, sofern in Österreich oder Bundesdeutschland, immer wieder auf Polen angesprochen, und zwar positiv. Mit meinem Verstand war also doch alles in Ordnung. Meine Wette auf unseren Nachbarstaat jenseits von Oder und Neiße ist wider Erwarten der damaligen Spötter aufgegangen. Und da ich ein wenig rachsüchtig bin, reibe ich meinen Landsleuten gern unter die Nase, wie lange eine Einkommenssteuer-Erklärung in der Republik Polen dauert: einige Klicks und wenige Minuten auf der Benutzeroberfläche des E-Urząd Skarbowy, der Internetpräsenz meines hiesigen Finanzamts.

    Doch will ich nicht kleinlich sein. Immerhin kann man vielen Sachbearbeiter*innen deutscher Ämter noch ein Fax schicken, wie auf deren papierner Korrespondenz anstelle einer Email-Adresse vermerkt.[1] Das rief wieherndes Gelächter bei einem meiner polnischen Kollegen hervor: „Karsten, wann hast Du zuletzt ein Faxgerät gesehen, geschweige denn bedient? 1995?“

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    Deutsche, die polnische Städte und Landschaften besichtigen, gebrauchen gern das Wort „noch“. In Polen sei es „noch“ in Ordnung, es gebe dies oder das „noch“, diese oder jener Fehlentwicklung „noch“ nicht. Man mag dergleichen als Anzeichen deutscher Arroganz inkriminieren oder mit Nachsicht betrachten. In jedem Falle zeugt es davon, daß mit jedem solchen „noch“ der Sprecher einen linearen Verlauf der Geschichte annimmt – mit Deutschland stets vor Polen, näher an Welt- oder Ungeist, im Guten wie im Schlechten.

    Nun haben unsere Landsleute bekanntlich ein Problem mit der Empirie. Sie wird nur allzuoft ignoriert, wo sie liebgewonnene Theorien bedroht; alles andere wäre ja oberflächlich, von schlechterdings angelsächsischer Nüchternheit, „rechenhaft“ (Max Scheler) und ein Symptom von „Nutzsucht“ (Stefan George), das heißt Utilitarismus. Diese spezifisch deutsche Empirie-Feindlichkeit fing mit der Verelendungsthese bezüglich der ‚Proletarier‘ im Kapitalismus nicht an[2] und wird mit den Kapriolen der Klima-‚Wissenschaft‘ nicht enden. Die Erfahrungswirklichkeit stört deutsche Denker – sorry, Denker*innen – klassischerweise mehr als andere. Der woke Unsinn an den Universitäten der Anglosphäre tut dem keinen Abbruch.

    Es ziemt sich den Deutschen daher, eifriger – also mit dem ehrlichen Wunsch, etwas zu lernen – und genauer hinzusehen, wo es um Polen (Land und Leute) geht, und weniger zu schwadronieren. Dies gilt ganz sicher für den Artikel von Markus C. Kerber auf dem TUMULT-Blog (15.04.2026), in dem bezüglich des „zerstrittenen“ Landes Polen verkannt wird, daß divergierende Meinungen und Zielvorstellungen von Freiheit zeugen. Einigkeit gibt es in Nordkorea. Schreibt Kerber von „expansionistischen Kriege[n] Polens nach der Neugründung des polnischen Staates ab 1919 zur Schaffung eines großpolnischen-litauischen-weißrussischen Reiches“,[3] übersieht oder verschweigt er die Realien im übrigen Ost(mittel)europa, vom Balkan bis zum Baltikum. Fallen Imperien, pflegen ihre Nachfolger-Staaten einander anzufallen, um günstigere Grenzen zu ziehen – übrigens nicht nur in der Alten Welt. Polen aus diesem Gesamt-Szenario herauszunehmen, um es als Störenfried zu charakterisieren, liegt gefährlich nah an einer suggestio falsi. Kurios zudem, daß Kerber den Polnisch-Sowjetischen Krieg (1919-1920) ungenannt läßt – sollte nicht jedes Bedrohungsgefühl seitens der Polen Illusion gewesen sein?

    Das Gebot, genauer hinzusehen, gilt freilich auch dort, wo positiv über Polen und seine Bürger geschrieben wird. Wenn Rainer Zitelmann in seinem sympathischen Buch Der Aufstieg des Drachen und des weißen Adlers (München 2023) feststellt, daß die Polen vergleichsweise wenig Sozialneid verspüren, hat diese frohe Botschaft bei fast jedem meiner polnischen Bekannten ein herzhaftes Lachen ausgelöst. Wo Zitelmann seine Umfrage habe durchführen lassen, wurde gefragt, während man lächelnd sein Haupt schüttelte.

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    Hermann Lübbe: Emanzipationskult und Verödung

    Der 1926 geborene Philosoph Hermann Lübbe bemerkt 1978:

    Die Generation, der Ende der sechziger Jahre die neomarxistische Anweisung auf eine ganz andere Zukunft ein intellektuelles und moralisches Erweckungserlebnis bereitete, lehrt heute in Schulen und Volkshochschulen, redigiert Rundfunkprogramme und Parteitagsresolutionen. Sie sitzt auch in ministeriellen Beratergremien und ist in Referentenpositionen gelangt.

    Das kommt bekannt vor, wiewohl aus heutiger Sicht eher von Hoch- als von Volkshochschulen die Rede sein sollte. Und wurde vor bald einem halben Jahrhundert geschrieben – in, was den eingeschalteten Relativsatz angeht, hinreißendem Stil.

    Die Folge?

    Ein ikonoklastischer Fanatismus gegen das emanzipatorisch Irrelevante verbreitete sich…

    Köstlich! Bitte lesen Sie die Passage noch einmal:

    Ein ikonoklastischer Fanatismus gegen das emanzipatorisch Irrelevante verbreitete sich, und Resignation unter Gelehrten, die unter solchen Bedingungen studentisches Interesse für die philosophiehistorische Metaphorologie der nackten Wahrheit oder für römische Sarkophage wecken sollten.

    So sind unsere woken oder sonstwie linken Freunde. Wo sie eine Wüste hinterlassen, nennen sie es Fortschritt.

    (Hermann Lübbe, „Über den Grund unseres Interesses an historischen Gegenständen. Kulturelle und politische Funktionen der historischen Geisteswissenschaften“, in: Hellmut Flashar et al. (Hg.) Geisteswissenschaft als Aufgabe, Berlin u. New York: de Gruyter 1978, S. 179-193, hier S. 180-181.)

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    Noch einmal zum Stil-Defizit deutscher Politik

    Als Ergänzung zum Beitrag über König Charles III. in den Vereinigten Staaten von Amerika seien bezüglich dessen, was sich am ehesten als Stil-Defizit unserer Landsleute beschreiben läßt, wo immer Politisches gelebt oder besprochen wird, zwei ergänzende Beispiele angeführt: Jacob Rees-Moggs stilvolle, doch mitleidlose Bemerkungen über Keir Starmer einerseits, andererseits jene von Hans-Ulrich Jörges über Friedrich Merz.

    Man höre sich das an und bilde sich ein Urteil, welche Art zu sprechen, welche Art, sich selbst darzubieten, dem Gemeinwesen, ob Königreich oder Republik, zu größerem Segen gereichen dürfte.

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    König Charles III. in den USA

    Wenn man sich Clips vom Besuch König Charles III. in den Vereinigten Staaten von Amerika ansieht, seinen Ansprachen zuhört, wird deutlich, wie sehr es der bundesdeutschen Politik an Stil mangelt, weshalb denn auch vergleichbar erhebende Momente diesseits der Anglosphäre ausbleiben.

    Es gibt keinen Anlaß zu der Annahme, das werde sich in naher oder ferner Zukunft ändern. „Der kleinbürgerliche Charakter der bundesdeutschen Politikszene“, so Rolf Peter Sieferle, „ist eine allgemein bekannte und und vielbelächelte Angelegenheit.“ Er verdanke sich „der Tatsache, daß es in Deutschland keine kulturell geschlossene herrschende Klasse gibt“, sowie auch einem „Sozialdemokratismus“, dem „Differenzen aller Art für schlechthin unerträglich gelten“.

    (Zitate aus: Rolf Peter Sieferle, Finis Germania, Schnellroda 2017, S. 21, 23, 25.)

  • Unseren neuerdings Kriegsbegeisterten

    I

    Kurios wirkt der anschwellende Kriegsgesang in Kreisen, die lange als antimilitaristisch oder pazifistisch aufgetreten sind, nun aber „ihren“ Remarque in die zweite Reihe der Hausbibliothek verdammen. Ist denn auf gar nichts mehr Verlaß? Habe ich all die Friedensbarden mit ihrem verquälten Geschrammel, ihrer gewohnheitsmäßigen Versmaß-Vergewaltigung, ihren hirnspaltend dümmlichen Reimen usw. ertragen, ohne auf dauernden Gewinn hoffen zu dürfen?

    II

    Man will im Verbund mit „bürgerlichen“ Kräften die Bundeswehr kampftauglich machen. Die Strategie lautet, wie so oft: Den Geldhahn aufdrehen, und gut is‘. Wo aber sollen – wie mit Gunnar Heinsohn eingewandt werden darf – ausreichend junge Männer (und Frauen) herkommen, um das Kriegsgerät zu handhaben? Mal einen Blick auf die Jahrgangsstatistiken, auf die Familienstruktur, die Häufigkeit von Einzelkindern geworfen? Und wenn es zum Schlimmsten kommt: wie lang dürften Verlustlisten sein, die von der bundesdeutschen Öffentlichkeit verkraftet würden? Man erinnere sich an die Verwerfungen durch die rund 58.000 Toten des Vietnam-Krieges in den weit bevölkerungsreicheren USA.

    III

    Lebten wir nicht kürzlich noch in einer postheroischen Gesellschaft? Wurde nicht kürzlich noch Monika Maron der Rechtsabweichung geziehen, weil ihre Romane Munin (2018) und Artur Lanz (2020) die Unabkömmlichkeit männlich-kämpferischer Tugenden sowie die Ahnung, in einer Vorkriegszeit zu leben, berührten? Die (post)moderne Mediengesellschaft erweist sich als höchst flexibel, aber nicht in einem guten, an der Erfahrungswirklichkeit orientierten Sinne, der mit Lernfähigkeit und vernünftiger Einschätzung der Lage gleichbedeutend wäre; sie macht Stimmungen – abrupt und beliebig, mit einem kaum zu leugnenden Einschlag ins Hysterische.

  • Wien – Berlin

    Der lebensphilosophisch-ästhetische Kontrast unserer beiden Hauptstädte im deutschsprachigen Raum, Wien (Österreich) und Berlin (Bundesdeutschland), könnte erstaunlicher kaum ausfallen. Es wäre segensreich, ausgewählte Partien von Berlins Einwohnerschaft – sogenannte Funktionseliten eingeschlossen, aber nicht bloß sie, sondern auch Busfahrer, Rezeptionistinnen usw. – im Turnus zu Pflichtaufenthalten in Wien zu verdonnern, damit sie lernen, wie man spricht, ohne sein Gegenüber wie auf einem Kasernenhof anzuschnarren.

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    Deutschland im November: drei Vignetten aus einem reichen Land

    I

    Werktag, zwischen 21.00 und 22.00 Uhr: Fahrt mit der S-Bahn von Hamburgs Flughafen zum Hauptbahnhof. Dreimal angebettelt – allerdings nicht individuell, sondern im Kollektiv, da jeder der drei an verschiedenen S-Bahnhöfen einsteigenden Bettler sich an sämtliche Fahrgäste zugleich wandte, dabei Blickkontakt vermied. Außerdem liefen zwei Flaschen- und Dosensammler durch den Wagen, die kleinen Abfallbehälter unter den Fenstern prüfend. Einer jung, mit allen Symptomen schwerer Drogensucht; er bewegte sich durch das Abteil, als sei außer ihm und den Dämonen, die ihn zerfleischen, niemand anwesend. Der andere, zwei-drei Stationen später eingestiegen, ein älterer Mann, sauber und vergleichsweise gepflegt wirkend. Er bat um Nachsicht, daß er zwischen meinem Gegenüber und mir an den Abfallbehälter wollte.

    II

    Eine Kleinstadt in Weser-Nähe, Flaschenrückgabe bei einem Discounter. Ein verwahrlostes Paar in zerknitterten Regenjacken, älter, doch nicht wirklich alt, schiebt Getränkedosen und Plastikflaschen für weit über zwanzig Euro auf das Band des Rücknahme-Automaten, die sie aus riesenhaften, breiten Tüten aus recht kräftigem Plastik ziehen. Das dauert natürlich. Die Beiden sondern beißenden Gestank ab, der so schnell nicht aus dem fensterlosen Raum abziehen wird – der automatischen Türen wegen.

    III

    Zwei Wochen später. Eine andere, größere Stadt zwischen Aller und Elbe, ein ‚besserer‘ Supermarkt. Wieder eine stark stinkende Person am Rücknahme-Automaten, eine zierliche ältere Dame mit grauem Haar. Sie muß einmal sehr attraktiv gewesen sein. Ihr Haar klebt an ihrem Haupt, dürfte wenigstens zehn Tage nicht gewaschen worden sein. Alles an ihr ist speckig und klebt bei Berührung, so die Henkel einer der gewaltigen Plastiktüten, die berührt zu haben ein Mann mittleren Alters – Typus Handwerker – bedauert, nachdem er, der Dame helfend, die Angelegenheit vorantreiben wollte. Umgängliches Lächeln, ein Nicken zu mir, diskretes Abreiben der Finger. Der Einwurf stockt, weil die Frau am Automaten zunehmend fahriger wirkt und nicht zu verstehen scheint, weshalb – oder auch bloß: daß – der Automat die Annahme einiger Dosen oder Flaschen verweigert. Nach einigen Versuchen wird die Taste für den Pfandbon gefunden. Eine Verkäuferin eilt herbei: „Komm her, ich zahl es dir aus.“

  • Geschwurbel & Geschwätz

    Die grassierende Übellaunigkeit in der deutschsprachigen Welt (real und online) ließe sich vermutlich mildern, wenn wir davon absehen würden, unliebsame Meinungen als „Geschwurbel“, „Geschwätz“, „Gelaber“ usw. abzutun, von „Hass“ und „Hetze“ gar nicht erst zu sprechen. Wenn ein Mensch eine Auffassung äußert, der wir widersprechen möchten, kann das in würdiger Weise geschehen. Er sagt etwas, vertritt seine Sicht der Dinge, argumentiert so oder anders, folglich verdient er ein Gegenargument, eine Widerlegung ad rem (in der Sache), keine Beschimpfung, die seine Vernunftfähigkeit oder gar sein Menschsein in Abrede stellt.

    Das ist doch nicht so schwierig. Und es würde dazu beitragen, das bisserl Kultur zu erhalten, welches uns geblieben ist.

    (Beitragsbild: Francisco Goya, Bartolomé Sureda y Miserol, um 1803/1804 (Ausschnitt). National Gallery of Art (USA), gemeinfrei. )