Maxime (III)
Es gibt keine schwierigen Themen, bloß schwierige Gesprächspartner.
Es gibt keine schwierigen Themen, bloß schwierige Gesprächspartner.
Nachdem der Hagere und der Üppige das Weinlokal verlassen hatten, klaubte der Kellner die paar Groschen Trinkgeldes vom Tisch, sein von graumeliertem Haar bedecktes Haupt kaum merklich schüttelnd und einen Fluch südslawischer Herkunft diskret am Gaumen zerdrückend. Einige Fetzen ihres Gesprächs hatte er aufgeschnappt. „Wenn die Religion die Antwort auf die Trostlosigkeit des Lebens ist“, sprach er langsam und fast ohne Akzent vor sich her, „was ist dann die Antwort auf die Trostlosigkeit der Religion?“
(Bild: Claude Monet, Rue de la Bavole, Honfleur, um 1864, gemeinfrei.)
„Weißt Du, worin Christentum und Marxismus übereinstimmen?“, fragte der Hagere. „Beide versprechen Dir ewige Freude, ein Reich nichtendenwollender Glückseligkeit. Alles, was Du tun mußt, ist, Dich Deiner intellektuellen Redlichkeit zu entledigen. Zu glauben, was sich nicht denken läßt; jeden Bruch in der Logik als Nachweis wie auch immer gearteter Höherwertigkeit oder Tiefe hinzunehmen, ob als Mysterium oder Dialektik; das Haltlose als wohlgegründet, das Unverfügbare nicht bloß als das Verfügbare, sondern Dir schlechthin Wohlgesonnene anzusehen, als seiest Du Zweck des Alls. Christentum und Marxismus betrügen alle diejenigen, welche auf ein Wunder hoffen, gerade weil sie auf ein Wunder hoffen. Sie sind das Opium der Wundersüchtigen.“
„Das ist gut, geistreich sogar“, versetzte der Üppige, „und eine Einsicht, die wir in einem freundlichen Gasthause begießen sollten, damit sie in der Wärme des roten Weins langsam zerfließt wie die Erinnerung an ein Übel, das Du oder ich vor vielen Jahren zu erdulden hatten.“
Der Hagere stutzte und legte ein verbindliches Lächeln auf. „Es ist ja nicht so, daß ich glauben würde, mit meinem Argument das Christentum ad acta gelegt, Gott ertappt zu haben.“
„Doch, das hast Du“, schloß der Üppige. „Ertappt und erledigt. Aber es macht ihm nichts aus.“
(Bild: Claude Monet, L’église de Varengeville, effet matinal, (1882), gemeinfrei.)
Brandmauern sind eine famose Sache, doch sollte man wissen, auf welcher Seite es brennt.
So lautet die „Semesterfrage“ der Wiener Universität. Die Antwort ist einfach: Lernt dasjenige, was sich nicht ändert. Also dasjenige, was nicht den schnellebigen Moden des Geistes (und Ungeistes) unterliegt.
Lernt nicht, daß man – wer ist dieses Man? – neuerdings „schnelllebig“ zu schreiben habe. Versucht lieber, die Prinzipien zu verstehen, die von solchen Moden unberührt bleiben, Prinzipien, die Euch erlauben, jene Moden als schiere Moden zu erkennen und je nach deren Charakter ernst- oder leichtzunehmen.
Überspitzt könnte man sagen: An der Universität lernt man, was sich nicht ändert. Was sich ändert, lernt man an Hochschulen.
Das ist nicht ganz wahr, weil auch die Prinzipien der Wissenschaft sich entwickeln, allerdings extrem, extreeem langsam, wie das Schicksal des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten zeigt. Doch mag die Überspitzung als Faustregel taugen.
Und ja: Hochschulen sind keine Universitäten, echte Universitäten nicht bloß Hochschulen. Verschulung trennt sie – unversöhnlich.
(Beitragsbild: eigene Photographie.)
Wenn Wahngebäude, dann Beletage.
Wer seines reichtums unwert ihn nicht nüzt
Muss weinen: nicht wer arm ist wer verlor ..
Du bist der gerte finder deren ruck
Verrät wo heilsam wasser steigen will
Und adern goldes in der tiefe ruhn.
Erschrick nicht staune nicht: ›warum denn ich?‹
Wirf nicht im trotz das wunderding beiseit
Weil du es nicht begreifst .. geniess und hilf
Solang der stab in deiner hand gehorcht.
(Stefan George, Der Stern des Bundes (Gesamt-Ausgabe der Werke, Bd. VIII), Berlin: Georg Bondi 1928, S. 60; ohne die Kapitälchen des Originals. Bild: Władysław Czachórski, Portret Władka Szernera (1879), Wikimedia Commons, gemeinfrei.)
Reformer sind oft bloß Zerstörer. Sie machen kaputt, was gut funktionierte, weil sie seinen Zweck nicht verstehen. Warum das so ist, erklärt G. K. Chesterton mit einem einfachen Beispiel und großer Eleganz:
There exists […] a certain institution or law; let us say, for the sake of simplicity, a fence or gate erected across a road. The more modern type of reformer goes gaily up to it and says, “I don’t see the use of this; let us clear it away.” To which the more intelligent type of reformer will do well to answer: “If you don’t see the use of it, I certainly won’t let you clear it away. Go away and think. Then, when you can come back and tell me that you do see the use of it, I may allow you to destroy it.” […] The gate or fence did not grow there. […] Some person had some reason for thinking it would be a good thing for somebody. And until we know what the reason was, we really cannot judge whether the reason was reasonable. It is extremely probable that we have overlooked some whole aspect of the question […].
(Nehmen wir an, es gibt eine bestimmte Einrichtung oder ein Gesetz; um die Sache einfacher zu machen, sagen wir: einen Zaun oder ein Tor quer über die Straße. Ein Reformer modernen Zuschnitts wird voller Freude auf ihn zugehen und sagen: „Ich sehe keinen Zweck, dem dieser Zaun dient. Lassen Sie uns ihn entfernen.“ Worauf ein Reformer von schärferer Intelligenz antworten sollte: „Wenn Sie keinen Zweck sehen, dem dieser Zaun dient, werde ich Ihnen nicht erlauben, ihn zu entfernen. Gehen Sie fort und denken Sie nach. Wenn Sie zurückkommen und sich in der Lage zeigen, mir zu sagen, daß Sie den Zweck des Zaunes tatsächlich erkannt haben, erlaube ich Ihnen vielleicht, ihn zu zerstören.“ Das Tor oder der Zaun sind dort nicht gewachsen. Irgend jemand hatte irgendeinen Grund für die Annahme, der Zaun würde irgend jemandem dienen. Und solange wir nicht wissen, worin dieser Grund bestand, können wir kein Urteil darüber treffen, ob dieser Grund vernünftig gewesen sei. Höchstwahrscheinlich haben wir einen ganzen Aspekt des Problems übersehen.)
Gilbert Keith Chesterton, „The Drift from Domesticity“, in: ders., The Thing, London: Sheed & Ward 1946, S. 29–39, hier S. 29.
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