Vom Popanz „Relevanz“

Die Chefdirigentin eines Symphonieorchesters im Osten der USA hat befunden, daß Beethovens 9. Symphonie so, wie sie ist, nicht mehr „relevant“ sei, und darum den Text des letzten Satzes – Schillers An die Freude – ändern lassen, außerdem musikalische Ergänzungen zwischen den drei ersten Sätzen vorgenommen:

I tried to insert music that was culturally relevant to the location where I’m doing it. Here in Baltimore, between the first and second movements, I have African drumming. Just three minutes.

(Ich habe versucht, Musik einzufügen, die für den Aufführungsort relevant ist. Hier in Baltimore sind es zwischen dem ersten und zweiten Satz afrikanische Trommeln. Gerade einmal drei Minuten.)

David P. Goldman bemerkt dazu:

This is idiotic in more ways than I can list. What does it mean to be relevant? A woman once remarked to Rabbi Abraham Joshua Heschel that the prayer book didn’t seem relevant to her, to which Heschel responded that the point was to make herself relevant to the prayer book. Schiller was one of the universal geniuses who defined our era, and our job is to make ourselves relevant to him.

(Das ist in vielfacher Hinsicht idiotisch. Was bedeutet „Relevanz“ hier? Eine Frau bemerkte einmal zu Rabbi Abraham Joshua Heschel, daß ihr das Gebetbuch nicht relevant scheine, worauf Heschel erwiderte, daß es eben darauf ankomme, sich selbst für das Gebetbuch relevant zu machen. Schiller war eines der Genies, die unser Zeitalter bestimmen, und unsere Aufgabe besteht darin, uns für ihn relevant zu machen.)

(Bild: Grab von E. A. Poe in Baltimore, Maryland, im Jahr 1896. Aus den Sammlungen der Library of Congress. No known restrictions on publication.)

Verdächtige Einigkeit

Die – wie sollen wir’s nennen? – Maßnahmen gegen Anna Netrebko und Valerij Gergiev zeugen nicht von edler Gesinnung. Sondern von einem Ressentiment gegen unglaublich talentierte Musiker. Und einer gewissen Meutenmentalität.

Denn natürlich kann man, wenn man die entsprechenden Apparatschik-Befugnisse hat, die Gunst (und den Dunst) der Stunde nutzen und sich per Fingerschnalzen und Schikane gegen in beiderlei Sinne des Wortes hervorragende, also auch exponierte Künstler als besonders „moralisch“ hervortun, um sich – für einen Augenblick irriger Selbstgerechtigkeit wenigstens – zu den „Guten“ und „Gerechten“ zu zählen.

Was man jedoch nicht kann, das ist: sich per Fingerschnalzen in einen unglaublich talentierten Musiker zu verwandeln.

Beitragsbild: Geburtshaus des Komponisten Peter Tschaikowski (Petr I. Čajkovskij) in Votkinsk, Udmurtien, Russische Föderation (Wacher98, Wikimedia Commons).

Neulich in Rußland

Eine englische Übersetzung des Gesungenen finden Sie unter dem Video, wenn Sie zu Youtube wechseln. Auf dem dortigen Kanal „Vek“ (Wjek) gibt es noch viele, viele Stücke mehr zu entdecken. Es lohnt sich, ein wenig zu stöbern.

Theodore Dalrymple (Anthony Daniels): Johann Sebastian Bach als Schutz vor verwahrlosten und gewalttätigen Jugendlichen

Einige Passagen aus dem bereits sechs Jahre alten Artikel „When Hooligans Bach Down“ von Theodore Dalrymple, in zuweilen getreuer, zuweilen etwas freierer Übersetzung:

Vor einiger Zeit habe ich in der Zeitung gelesen, wie einige Ladenbesitzer Nordenglands verhindern, daß vor ihren Geschäften verwahrloste und gewalttätige Jugendliche herumlungern, Kunden belästigen, vergraulen oder ausrauben. Sie spielen Bach über Lautsprecher, die vor dem Laden angebracht sind. Das vertreibt die Jugendlichen im Nu; sie fliehen, wie ein Graf Dracula vor Weihwasser, Knoblauchknollen und Kruzifixen die Flucht ergreift.

Es liegt etwas zutiefst Bezeichnendes darin, wenn eine der Perlen abendländischer Kultur, die Musik von Johann Sebastian Bach, dazu gebraucht wird, die jungen Erben ebenjener Kultur davon abzuhalten, Verbrechen zu begehen. Die Barbaren sind nicht mehr vor den Mauern, sie sind längst in der Stadt.

Dalrymple fährt fort:

Das Beispiel der nordenglischen Ladenbesitzer erinnert an eine Geschichte, die der große belgische Sinologe Simon Leys in seiner Essay-Sammlung Le bonheur des petits poissons erzählt. Ley berichtet, wie er in einem Café gesessen habe. Die anderen Gäste plauderten, spielten Karten und tranken etwas. Das Radio gab banale Popmusik und oberflächliche bis dümmliche Kommentare von sich. Plötzlich aber – und ohne einen erkennbaren Grund – übertrug es den ersten Satz von Mozarts Klarinettenquintett und machte aus dem Café „das Vorzimmer zum Paradies“, wie Leys sich ausdrückt. Die Gäste verharrten in allem, was sie taten, as seien sie erschrocken. Dann stand einer von ihnen auf, ging zum Radio und stellte es auf eine andere Station um, die banale Popmusik und oberflächliche bis dümmliche Kommentare brachte. Allgemeine Erleichterung stellte sich ein, als ob die Gäste verspürt hätten, daß die Schönheit und Kultiviertheit der Musik Mozarts einen Tadel bilde, der ihrem Leben gelte und auf den sie keine andere Antwort wüßten, als – Mozart abzuschalten.

Gustav Mahler in den USA

Gustav Mahler

Wo bleibt das Positive im Verhältnis von Alter und Neuer Welt? Hier ist es: Für Gustav Mahler – hören Sie sein herrliches „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ – war

die Leitung eines Konzertorchesters schon immer sein Lebenswunsch. Europa hatte ihm nicht erfüllen können, was zwei wohlhabenden Damen der New Yorker Gesellschaft, die von Mahlers Musizieren begeistert waren, sofort gelang: binnen kurzem beschafften sie mit Hilfe reicher Mäzene einen Garantiefonds von 90 000 Dollar. Am 31. März 1909 stand Mahler zum erstenmal vor ’seinem‘ Orchester, dem New York Philharmonic, dessen künstlerische Leitung man ihm anvertraute. Die Saison 1909/10 wurde somit zur ausschließlichen Konzertsaison […], wobei er von New York aus auch die benachbarten Städte, wie etwa Philadelphia, symphonisch betreute. Seine Konzert beherrschten vorwiegend die „gediegenen Meister“, wie er die Klassiker nannte, dazu kamen einige Novitäten.

Der Chronist fährt fort:

Symptomatisch für Mahlers beweglichen Geist und aufschlußreich für die Geschichte der Bach-Interpretation ist die Tatsache, daß er einmal ein Bach-Konzert spielte, „wofür ich das Basso continuo für Orgel gesetzt; und an einem von Steinway hierzu präparierten Spinett von sehr großem Klange dirigierte ich und improvisierte – ganz nach Art der Alten. Da sind für mich (und auch für die Hörer) ganz überraschende Dinge dabei herausgekommen. Wie mit einem Schlaglicht war diese verschüttete Literatur beleuchtet.“ Von seinen eigenen Werken führte er in Amerika lediglich seine Erste und Zweite Symphonie und die Kindertotenlieder auf.

Mahler fühlte sich „bei dieser Tätigkeit und Lebensweise frischer und wohler als seit vielen Jahren.“ […] Was ihm besonders gefallen mußte, waren die reichen Mittel, die er vorfand, war die „nobelste Gesellschaft – ohne Intrigue – ohne Beamtenkram… Die Menschen hier sind ungeheuer frisch – alle Roheit und Unbelehrtheit sind – Kinderkrankheiten… Man hat hier nur vor einem einzigen Ding Respekt: Können und Wollen!

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Wolfgang Schreiber, Mahler, Reinbek 1971, S. 115-116. Hervorhebungen von mir.