Impfzwang, nicht Impfpflicht

„Pflicht“ klingt nach Höherem. Nicht umsonst kommt das Wort im Libretto der „Zauberflöte“ rund ein dutzendmal vor. Andreas Tiedtke rät in einem klugen, klar geschriebenen Artikel auf den Seiten des Ludwig von Mises Instituts Deutschland, Pflicht und Zwang auseinanderzuhalten. Und natürlich hat er mehr im Blick als ein bloßes Wortproblem, eine Haarspalterei, wo er darlegt,

wieso eine Impfpflicht (das heißt: „Ich verpflichte mich“) und ein Impfzwang (das heißt: „Ich werde gezwungen, habe mich aber NICHT dazu verpflichtet“) etwas Grundverschiedenes sind.

Rechte und Pflichten entstehen aus Verträgen, aus Vereinbarungen. Deshalb führen Rechte und Pflichten stets zu einem neuen Pareto-Optimum, also zu einer Win-win-Situation aus der Sicht der Beteiligten. Wenn ich mich beispielsweise freiwillig verpflichte, dir ein Auto zu liefern, und du verpflichtest dich, mir dafür 20.000 Euro zu geben, dann stellen wir uns beide besser.

Mir sind die 20.000 Euro lieber als das Auto. Dir ist das Auto mehr wert als die 20.000 Euro, die du dafür ausgibst. Der freiwillig geschlossene Vertrag stellt also dich und mich besser – im Vergleich zu einer Situation, in der wir den Vertrag nicht geschlossen hätten (oder nicht hätten schließen können).

Ich kann aber keinen Dritten in diesem Sinne verpflichten ohne dessen Einwilligung. Wenn ich dich „verpflichte“, mir 1.000 Euro zu geben, und ich dir drohe, dich einzusperren, falls du mir das Geld nicht gibst, dann verpflichte ich dich in Wirklichkeit nicht, sondern ich zwinge dich zu etwas. 

Tiedtkes Ausführungen überzeugen. Sie werfen Licht ins Dunkel des bundesrepublikanischen Diskurses, und das bleibt selbst dann wertvoll, wenn man grundsätzliche Einwände gegen den Kontraktualismus berücksichtigt.

Übrigens tauchen Vereinbarungen, die auf wechselseitiger Selbstverpflichtung basieren, nicht bloß im Pekuniären auf. Ganz im Gegenteil. Vielleicht kennen Sie das herrliche „If ye love me“ in der Vertonung von Thomas Tallis. Der gesungene Text aus dem Johannisevangelium lautet: „If ye love me, keep my commandments. And I will pray the Father, and he shall give you another Comforter, that he may abide with you for ever; Even the Spirit of truth“ (KJV, deutsch hier; meine Hervorhebungen).

Wenn das kein Kontrakt ist, was dann?

Bild: Winslow Homer, Eight Bells (Wikimedia, gemeinfrei).

Armut-Reduktion

Blauer Kasten: 2018 lebten annähernd 1,25 Milliarden weniger Menschen in extremer Armut als 1981 – 653 Millionen (2018) im Vergleich zu 1,9 Milliarden (1981).

Im Rahmen der Graphik: In extremer Armut lebt, wer max. 1,90 US-Dollar pro Tag ausgeben kann (angeglichen an die Kaufkraft eines US-Dollars im Jahr 2011).

Text ganz oben: Dies ist die erstaunliche Verringerung der weltweiten Armut um 80%. Im Jahr 1981 lebten 42,3% der Menschen in Armut, 2018 8,6% Es brauchte wahrscheinlich 1000 Jahre, um den Anteil der Armen von 84% auf 42% im Jahr 1981 zu halbieren, dann 24 Jahre, um ihn auf 21% im Jahr 2005 zu verringen, und dann nur noch 10 Jahre, diesen Wert erneut zu halbieren – auf 10% im Jahr 2015.

„Nein, nein! das kann nicht seyn!“ (Wolfgang Amadeus Mozart & Emanuel Schikaneder, Die Zauberflöte, erster Aufzug, erster Auftritt)

Theodore Dalrymple (Anthony Daniels): Johann Sebastian Bach als Schutz vor verwahrlosten und gewalttätigen Jugendlichen

Einige Passagen aus dem bereits sechs Jahre alten Artikel „When Hooligans Bach Down“ von Theodore Dalrymple, in zuweilen getreuer, zuweilen etwas freierer Übersetzung:

Vor einiger Zeit habe ich in der Zeitung gelesen, wie einige Ladenbesitzer Nordenglands verhindern, daß vor ihren Geschäften verwahrloste und gewalttätige Jugendliche herumlungern, Kunden belästigen, vergraulen oder ausrauben. Sie spielen Bach über Lautsprecher, die vor dem Laden angebracht sind. Das vertreibt die Jugendlichen im Nu; sie fliehen, wie ein Graf Dracula vor Weihwasser, Knoblauchknollen und Kruzifixen die Flucht ergreift.

Es liegt etwas zutiefst Bezeichnendes darin, wenn eine der Perlen abendländischer Kultur, die Musik von Johann Sebastian Bach, dazu gebraucht wird, die jungen Erben ebenjener Kultur davon abzuhalten, Verbrechen zu begehen. Die Barbaren sind nicht mehr vor den Mauern, sie sind längst in der Stadt.

Dalrymple fährt fort:

Das Beispiel der nordenglischen Ladenbesitzer erinnert an eine Geschichte, die der große belgische Sinologe Simon Leys in seiner Essay-Sammlung Le bonheur des petits poissons erzählt. Ley berichtet, wie er in einem Café gesessen habe. Die anderen Gäste plauderten, spielten Karten und tranken etwas. Das Radio gab banale Popmusik und oberflächliche bis dümmliche Kommentare von sich. Plötzlich aber – und ohne einen erkennbaren Grund – übertrug es den ersten Satz von Mozarts Klarinettenquintett und machte aus dem Café „das Vorzimmer zum Paradies“, wie Leys sich ausdrückt. Die Gäste verharrten in allem, was sie taten, as seien sie erschrocken. Dann stand einer von ihnen auf, ging zum Radio und stellte es auf eine andere Station um, die banale Popmusik und oberflächliche bis dümmliche Kommentare brachte. Allgemeine Erleichterung stellte sich ein, als ob die Gäste verspürt hätten, daß die Schönheit und Kultiviertheit der Musik Mozarts einen Tadel bilde, der ihrem Leben gelte und auf den sie keine andere Antwort wüßten, als – Mozart abzuschalten.