Christopher Caldwell über den Ukraine-Krieg

Auf Imprimis liefert Christopher Caldwell einen nachdenklichen und genau deshalb lesenswerten Artikel über den Krieg in der Ukraine. Der Text berührt Genese, Gestalt und mögliche Ziele des Konflikts. Über die Gestalt des Krieges bemerkt Caldwell:

The U.S. is not just supporting Ukraine. It is fighting a war in Ukraine’s name.

(Die USA unterstützen nicht bloß die Ukraine. Sie führen einen Krieg im Namen der Ukraine.)

Dies deshalb, so Caldwell, weil die USA Zielkoordinaten für Angriffe mit Dronen und Raketen bereitstellen. Außerdem liefern sie hochentwickelte Waffensysteme.

Ukrainians may still be doing most of the dying, but the U.S. is responsible for most of the damage wrought on Russia’s troops.

(Die Ukrainer übernehmen den Großteil des Sterbens, aber die USA sind verantwortlich für den Großteil des Schadens, der den russischen Truppen zugefügt wurde.)

Schließlich berührt Caldwell die Frage nach den Kriegszielen und – vor allem – deren Konsequenzen. Es lohnt, diesen Absatz mehrmals zu lesen:

This is a war with no natural stopping point. One can easily imagine scenarios in which winning might be more costly than losing. Should the U.S. pursue the war to ultimate victory, taking Crimea and admitting […] Ukraine into NATO, it will require a Korea-level military buildup to hold the ground taken. It will also change the West. The U.S.—for the first time—will have expanded NATO by conquest, occupying territories (Crimea and parts of eastern Ukraine) that don’t want it there.

(Dies ist ein Krieg ohne natürlichen Endpunkt. Es läßt sich leicht ein Szenario vorstellen, in dem ein Sieg mehr kosten würde als eine Niederlage. Sollten die USA den Krieg bis zu einem vollständigen Sieg weiterführen, die Krim erobern und die Ukraine in die NATO aufnehmen, wäre eine Militärpräsenz auf Korea-Niveau notwendig, um die Gebiete zu halten. Dies würde auch den Westen verändern. Zum ersten Mal hätten die USA die NATO per Eroberung erweitert und Gebiete besetzt (die Krim und Teile der Ostukraine), deren Bewohner sie dort nicht wollen.)

Bitte lesen Sie den ganzen Text.

(Bild: Karte der Krim aus dem Jahr 1822. Library of Congress, gemeinfrei.)

Norbert Bolz über politische Korrektheit

Im Vietnamkrieg starben 57000 amerikanische Männer und 8 amerikanische Frauen. Ihrer wird gedacht mit Monumenten auf der Mall von Washington. Es sind die Figuren von 3 Männern und 3 Frauen. Das ist Politische Korrektheit.

Norbert Bolz, Diskurs über die Ungleichheit, München 2009, S. 32.

(Bild: Vietnam Memorial in Washington, DC. Pixabay, bearbeitet.)

Faschismus und Antifaschismus in Amerika

Sie erinnern sich an Präsident Joseph „Joe“ Bidens Rede in ominöser Schwarz-Rot-Beleuchtung und seine Ausfälle über „semifaschistische“ Republikaner und Wähler der Republikaner?

Dazu bemerkt ein kluger Artikel von Lance Morrow auf den Seiten des Wall Street Journal:

Mr. Trump and his followers, believe it or not, are essentially antifascists: They want the state to stand aside, to impose the least possible interference and allow market forces and entrepreneurial energies to work. Freedom isn’t fascism. Mr. Biden and his vast tribe are essentially enemies of freedom, although most of them haven’t thought the matter through. Freedom, the essential American value, isn’t on their minds. They desire maximum—that is, total—state or party control of all aspects of American life, including what people say and think.

(Herr Trump und seine Anhänger sind, glauben Sie es oder nicht, im wesentlichen Antifaschisten. Sie wollen, daß der Staat sich zurückhält, sich so wenig wie möglich einmischt und die Gesetze des Marktes und den Einfallsreichtum der Unternehmer wirken läßt. Freiheit ist nicht Faschismus. Herr Biden und seine breite Anhängerschaft sind im wesentlichen Feinde der Freiheit, auch wenn die meisten von ihnen die Angelegenheit nicht wirklich durchdacht haben. Freiheit, der höchste amerikanische Wert, spielt in ihrem Denken keine Rolle. Sie wollen die größtmögliche – das heißt: totale – Kontrolle durch Staat oder Partei, und das in allen Facetten des amerikanischen Lebens, einschließlich dessen, was die Menschen sagen oder denken.)

Mehr hier.

(Bild: „New Deal“ , WPA-Kunst, Clarkson S. Fisher Federal Building & U.S. Courthouse, Trenton, New Jersey. Library of Congress. No known restrictions on publication.)

Neuerscheinung: Karsten Dahlmanns / Aneta Jachimowicz (Hrsg.), Geliebtes, verfluchtes Amerika

Die Vereinigten Staaten von Amerika fungierten im deutschen Sprachraum zwischen 1888 und 1933 als Traum oder Alptraum, als eine Verkörperung von Moderne und Kapitalismus, die bewundert, verachtet oder gar gefürchtet wurde.  

14 Aufsätze erforschen das Verhältnis ausgewählter deutschsprachiger Dichter, Schriftsteller und Publizisten, Wissenschaftler und Architekten jener Zeit zu den USA. Besprochen werden so verschiedene Temperamente wie Alfred Kubin und Stefan George, Ernst Jünger und Erich Maria Remarque, Adolf Loos und Friedrich August von Hayek. Bekannte Schriftsteller wie Stefan Zweig und Joseph Roth haben ihren Auftritt, aber auch weniger bekannte Autorinnen und Autoren wie Bertha Eckstein-Diener, Marta Karlweis und Maria Leitner, Hugo Bettauer, Bernhard Kellermann und Arthur Rundt.

„Der Band zeichnet ein breitgefächertes, methodisch vielfältiges und überaus lesenswertes Panorama der Auseinandersetzung mit den USA in der Literatur und Publizistik der deutschsprachigen Länder vor und nach dem Ersten Weltkrieg.“ Prof. Wynfrid Kriegleder (Wien)

Thomas Sowell über die Entscheidung des US-Verfassungsgerichtes in Sachen Abtreibung

Thomas Sowell erklärt:

Some people seem to think that the Supreme Court has banned abortions. It has done nothing of the sort.

The Supreme Court has in fact done something very different, something long overdue and potentially historic. It has said that their own court had no business making policy decisions which nothing in the Constitution gave them the authority to make.

(Einige Leute scheinen zu meinen, daß der Supreme Court Abtreibungen verboten habe. Er hat nichts dergleichen getan.

Der Supreme Court hat de facto etwas ganz Anderes getan, etwas, das längst überfällig war und das Zeug hat, eine historische Entscheidung zu werden. Der Supreme Court hat festgestellt, daß er selbst keine Befugnis hat, politische Entscheidungen zu fällen, weil es keinen Passus in der Verfassung der Vereinigten Staaten gibt, der ihm die Autorität zuerkennen würde, politische Entscheidungen zu fällen.)

Schön, nicht wahr? Bitte lesen Sie den ganzen Text.

New York Times Co. v. Sullivan (1964)

Aus einem knapp sechzig Jahre alten Urteil des Verfassungsgerichts der Vereinigten Staaten von Amerika, dem Supreme Court of Justice:

Thus we consider this case against the background of a profound national commitment to the principle that debate on public issues should be uninhibited, robust, and wide-open, and that it may well include vehement, caustic, and sometimes unpleasantly sharp attacks on government and public officials. 

(Also betrachten wir diesen Fall vor dem Hintergrund der tiefverwurzelten Überzeugung unserer Nation, daß die Debatte über öffentliche Angelegenheiten ungehindert, robust und weithin offen vonstatten gehen sollte, und daß sie natürlicherweise heftige, schneidend sarkastische und zuweilen unangenehm scharfe Attacken auf Regierungsvertreter und Beamte einschließt.)

Und:

In any event, despite the possibility that some excesses and abuses may go unremedied, we must recognize that ‚the people of this nation have ordained in the light of history, that, in spite of the probability of excesses and abuses, (certain) liberties are, in the long view, essential to enlightened opinion and right conduct on the part of the citizens of a democracy.‘ […] As Mr. Justice Brandeis correctly observed, ’sunlight is the most powerful of all disinfectants.‘

(Auch wenn die Möglichkeit besteht, daß einige verbale Exzesse und persönliche Beschimpfungen ertragen werden müssen, ohne sich rechtlich dagegen wehren zu können, haben wir in jedem Falle anzuerkennen, daß ‚die Bürger dieser Nation im Lichte der Geschichte erkannt und zu einem Prinzip erhoben haben, daß, der Wahrscheinlichkeit von verbalen Exzessen und Beschimpfungen ungeachtet, (bestimmte) Freiheiten auf lange Sicht hin unverzichtbar sind für eine aufgeklärte Meinungsbildung und richtiges Handeln seitens der Bürger einer Demokratie.‘ Wie Verfassungsrichter Brandeis treffend festgestellt hat, ‚ist Sonnenlicht das beste aller Desinfektionsmittel.‘)

Zum Hintergrund hier und hier. Halten Sie sich an das Original, nicht die Übersetzung, die (hier wie anderswo) eine Interpretation darstellt, mit der ich nicht ganz glücklich bin.

Lucretia Hughes spricht für die Achtung und Erhaltung des Zweiten Verfassungszusatzes

Lucretia Hughes hat eines ihrer Kinder durch Waffengewalt verloren: ihr neunzehnjähriger Sohn wurde auf einer Party erschossen. Der Täter war vorbestraft, doch auf freiem Fuß, und er verfügte über eine illegal erworbene Handfeuerwaffe. Die Kriminalität gegen Leib und Leben in vielen von Schwarzen bewohnten Gegenden der Großstädte, so Frau Hughes weiter, sei außer Kontrolle. Als Frau von fünfundzwanzig Jahren habe sie bereits achtzehn Begräbnissen junger schwarzer Amerikaner beigewohnt.

Eine Verschärfung der Waffengesetze sei ungeeignet, Tragödien wie jene, die ihre Familie getroffen habe, zu verhindern, denn gerade in den US-Städten mit den strengsten Waffengesetzen seien die meisten Gewaltverbrechen mit Schußwaffen zu verzeichnen. Selbstgerechte Politiker, die im Anschluß an die BLM-Proteste der Polizei die Finanzierung streichen wollen und gleichzeitig die Entwaffnung gesetzestreuer Bürger propagieren, richteten nichts als Schaden an. Im Übrigen röchen solche Vorschläge nach Rassismus: „Gilt der Zweite Verfassungszusatz nicht für Leute, die aussehen wie ich?“ Frau Hughes besteht auf dem Recht, sich selbst und ihre Angehörigen mit einer Feuerwaffe zu verteidigen.

Kraftvoll vorgetragen.

Rost

Der westliche Hegemon hat Schwierigkeiten, seine Kriegsmarine in Schuß zu halten; oder es mangelt der politische Wille. Die Schiffe rosten, wie man hier und hier sieht. Nicht eben ein beruhigendes Signal.

(Bild: Pixabay.)

Grünflation und Kollektivismus

Daniel Greenfield bemerkt, dankenswerterweise von der Achse des Guten ins Deutsche übersetzt:

[D]ie Inflation ist kein ungewollter Unfall. Die Linke gibt wie ein besoffener Matrose Geld aus, um ihre Agenda durchzusetzen. Wenn man das Geld entwertet, wird die Mittelschicht ausgelöscht. Dann kann man anschließend die Wirtschaft unter neuen Bedingungen wieder ankurbeln. Biden hat Billionen [d.i. Tausende Milliarden] von Dollar verschwendet und ist nun damit beschäftigt, die „Gier der Unternehmen“ für die hohen Preise verantwortlich zu machen.

So macht man das, wenn man Kollektivismus säen will. Und natürlich geht es um Kontrolle. Worum sonst? Wackere, eigensinnige Hobbits in Dörfern und gediegenen Kleinstädten, die, wie es so schön heißt, ihr Ding machen? Das können Sie vergessen!

Die Linke will nicht, dass die Menschen in kleineren Gemeinschaften leben. Sie hat ganz klar gesagt, dass alle Menschen in Städten leben müssen.

In Groß- und Megastädten natürlich, idealiter in Großwohnsiedlungen des Zuschnitts Arbeiter- oder, in Zeiten der Postmoderne, Prekariatsschließfach. Eine häßliche Umgebung macht gefügig, acht- und mutlos, zynisch.

Die gewollte Verknappung und Verteuerung von fossilen Brennstoffen durch den Widerruf oder die Nichterteilung von Förderungsgenehmigungen –

Bidens Leute haben es gerade wieder einmal geschafft, Öl- und Gaspachtverträge zu sabotieren!

– dient den Fortschrittlern als Mittel,

um die Mobilität einzuschränken und die Bevölkerung zwangsweise in dichten städtischen Clustern unter ihrem Panoptikum zu konzentrieren. Dies sind die gleichen Strategien, die von der Sowjetunion und dem kommunistischen China angewandt wurden. Und sie haben das gleiche Ziel. 

Übertrieben? Hoffentlich haben Sie recht.

(Bild: Männer vor Suppenküche. Quelle: Library of Congress, Prints & Photographs Division, Farm Security Administration/Office of War Information Black-and-White Negatives. Gemeinfrei.)

Vom Popanz „Relevanz“

Die Chefdirigentin eines Symphonieorchesters im Osten der USA hat befunden, daß Beethovens 9. Symphonie so, wie sie ist, nicht mehr „relevant“ sei, und darum den Text des letzten Satzes – Schillers An die Freude – ändern lassen, außerdem musikalische Ergänzungen zwischen den drei ersten Sätzen vorgenommen:

I tried to insert music that was culturally relevant to the location where I’m doing it. Here in Baltimore, between the first and second movements, I have African drumming. Just three minutes.

(Ich habe versucht, Musik einzufügen, die für den Aufführungsort relevant ist. Hier in Baltimore sind es zwischen dem ersten und zweiten Satz afrikanische Trommeln. Gerade einmal drei Minuten.)

David P. Goldman bemerkt dazu:

This is idiotic in more ways than I can list. What does it mean to be relevant? A woman once remarked to Rabbi Abraham Joshua Heschel that the prayer book didn’t seem relevant to her, to which Heschel responded that the point was to make herself relevant to the prayer book. Schiller was one of the universal geniuses who defined our era, and our job is to make ourselves relevant to him.

(Das ist in vielfacher Hinsicht idiotisch. Was bedeutet „Relevanz“ hier? Eine Frau bemerkte einmal zu Rabbi Abraham Joshua Heschel, daß ihr das Gebetbuch nicht relevant scheine, worauf Heschel erwiderte, daß es eben darauf ankomme, sich selbst für das Gebetbuch relevant zu machen. Schiller war eines der Genies, die unser Zeitalter bestimmen, und unsere Aufgabe besteht darin, uns für ihn relevant zu machen.)

(Bild: Grab von E. A. Poe in Baltimore, Maryland, im Jahr 1896. Aus den Sammlungen der Library of Congress. No known restrictions on publication.)