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    „Vom besonderen Unglück tüchtigerer Minderheiten. Eine Reaktualisierung des Werks von Helmut Schoeck“ jetzt im Open Access erhältlich

    Meine 2023 publizierte Monographie über den Soziologen und Neidforscher Helmut Schoeck steht jetzt im Open Access zur Verfügung. Sie finden den Link zum kostenlosen Download des Buches hier, im Repositorium „Opus“ der Schlesischen Universität in Katowice (Kattowitz), Polen.

    Natürlich ist die ‚traditionelle‘ Ausgabe, ein gebundenes Buch mit schönem Satz auf cremefarbenem Papier weiterhin erhältlich.

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    „Was sollen wir lernen, wenn sich alles ändert?“

    So lautet die „Semesterfrage“ der Wiener Universität. Die Antwort ist einfach: Lernt dasjenige, was sich nicht ändert. Also dasjenige, was nicht den schnellebigen Moden des Geistes (und Ungeistes) unterliegt.

    Lernt nicht, daß man – wer ist dieses Man? – neuerdings „schnelllebig“ zu schreiben habe. Versucht lieber, die Prinzipien zu verstehen, die von solchen Moden unberührt bleiben, Prinzipien, die Euch erlauben, jene Moden als schiere Moden zu erkennen und je nach deren Charakter ernst- oder leichtzunehmen.

    Überspitzt könnte man sagen: An der Universität lernt man, was sich nicht ändert. Was sich ändert, lernt man an Hochschulen.

    Das ist nicht ganz wahr, weil auch die Prinzipien der Wissenschaft sich entwickeln, allerdings extrem, extreeem langsam, wie das Schicksal des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten zeigt. Doch mag die Überspitzung als Faustregel taugen.

    Und ja: Hochschulen sind keine Universitäten, echte Universitäten nicht bloß Hochschulen. Verschulung trennt sie – unversöhnlich.

    (Beitragsbild: eigene Photographie.)

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    Stefan George: aus dem Stern des Bundes

    Wer seines reichtums unwert ihn nicht nüzt
    Muss weinen: nicht wer arm ist wer verlor ..
    Du bist der gerte finder deren ruck
    Verrät wo heilsam wasser steigen will
    Und adern goldes in der tiefe ruhn.
    Erschrick nicht staune nicht: ›warum denn ich?‹
    Wirf nicht im trotz das wunderding beiseit
    Weil du es nicht begreifst .. geniess und hilf
    Solang der stab in deiner hand gehorcht.

    (Stefan George, Der Stern des Bundes (Gesamt-Ausgabe der Werke, Bd. VIII), Berlin: Georg Bondi 1928, S. 60; ohne die Kapitälchen des Originals. Bild: Władysław Czachórski, Portret Władka Szernera (1879), Wikimedia Commons, gemeinfrei.)

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    Chestertons Zaun

    Reformer sind oft bloß Zerstörer. Sie machen kaputt, was gut funktionierte, weil sie seinen Zweck nicht verstehen. Warum das so ist, erklärt G. K. Chesterton mit einem einfachen Beispiel und großer Eleganz:

    There exists […] a certain institution or law; let us say, for the sake of simplicity, a fence or gate erected across a road. The more modern type of reformer goes gaily up to it and says, “I don’t see the use of this; let us clear it away.” To which the more intelligent type of reformer will do well to answer: “If you don’t see the use of it, I certainly won’t let you clear it away. Go away and think. Then, when you can come back and tell me that you do see the use of it, I may allow you to destroy it.” […] The gate or fence did not grow there. […] Some person had some reason for thinking it would be a good thing for somebody. And until we know what the reason was, we really cannot judge whether the reason was reasonable. It is extremely probable that we have overlooked some whole aspect of the question […].

    (Nehmen wir an, es gibt eine bestimmte Einrichtung oder ein Gesetz; um die Sache einfacher zu machen, sagen wir: einen Zaun oder ein Tor quer über die Straße. Ein Reformer modernen Zuschnitts wird voller Freude auf ihn zugehen und sagen: „Ich sehe keinen Zweck, dem dieser Zaun dient. Lassen Sie uns ihn entfernen.“ Worauf ein Reformer von schärferer Intelligenz antworten sollte: „Wenn Sie keinen Zweck sehen, dem dieser Zaun dient, werde ich Ihnen nicht erlauben, ihn zu entfernen. Gehen Sie fort und denken Sie nach. Wenn Sie zurückkommen und sich in der Lage zeigen, mir zu sagen, daß Sie den Zweck des Zaunes tatsächlich erkannt haben, erlaube ich Ihnen vielleicht, ihn zu zerstören.“ Das Tor oder der Zaun sind dort nicht gewachsen. Irgend jemand hatte irgendeinen Grund für die Annahme, der Zaun würde irgend jemandem dienen. Und solange wir nicht wissen, worin dieser Grund bestand, können wir kein Urteil darüber treffen, ob dieser Grund vernünftig gewesen sei. Höchstwahrscheinlich haben wir einen ganzen Aspekt des Problems übersehen.)

    Gilbert Keith Chesterton, „The Drift from Domesticity“, in: ders., The Thing, London: Sheed & Ward 1946, S. 29–39, hier S. 29.

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    Recarbonisierung

    Und dann lehnte er sich zurück, der alte Mann, die knotige Linke vom Gartenzaun nehmend, auf den er sich gestützt hatte, strich sich über den Schnurrbart, blinzelte in die Spätnachmittagssonne und sprach: „Was wir brauchen, mein Bester, ist Recarbonisierung. Jetzt.“

    (Bild: Wincenty Wodzinowski (1866-1940), Portret starego wieśniaka (Bildnis eines alten Dörflers), Digitalisat des Muzeum Narodowe w Krakowie. Domena publiczna, gemeinfrei.)

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    Jacek Gniadek: Pseudo-Wohltätigkeit

    Der katholische Priester Jacek Gniadek – Verfasser eines interessanten Buchs über Johannes Paul II und Ludwig von Mises – konstatiert bezüglich der Frage, was keine Wohltätigkeit bilde:

    Rozdawanie cudzej własności nie jest dobroczynnością. (Das Verteilen fremden Eigentums ist keine Wohltätigkeit.)

    Nicht alle, aber doch viele Steuern sind Raub. Namentlich jene, die zur Finanzierung ’sozialer‘ Wohltaten, von Umerziehung und sonstigem DOGE-würdigen Gedöns dienen. Daß dergleichen überhaupt betont werden muß, weist auf die moralische Verwirrung unserer Zeit hin…

  • Unseren neuerdings Kriegsbegeisterten

    I

    Kurios wirkt der anschwellende Kriegsgesang in Kreisen, die lange als antimilitaristisch oder pazifistisch aufgetreten sind, nun aber „ihren“ Remarque in die zweite Reihe der Hausbibliothek verdammen. Ist denn auf gar nichts mehr Verlaß? Habe ich all die Friedensbarden mit ihrem verquälten Geschrammel, ihrer gewohnheitsmäßigen Versmaß-Vergewaltigung, ihren hirnspaltend dümmlichen Reimen usw. ertragen, ohne auf dauernden Gewinn hoffen zu dürfen?

    II

    Man will im Verbund mit „bürgerlichen“ Kräften die Bundeswehr kampftauglich machen. Die Strategie lautet, wie so oft: Den Geldhahn aufdrehen, und gut is‘. Wo aber sollen – wie mit Gunnar Heinsohn eingewandt werden darf – ausreichend junge Männer (und Frauen) herkommen, um das Kriegsgerät zu handhaben? Mal einen Blick auf die Jahrgangsstatistiken, auf die Familienstruktur, die Häufigkeit von Einzelkindern geworfen? Und wenn es zum Schlimmsten kommt: wie lang dürften Verlustlisten sein, die von der bundesdeutschen Öffentlichkeit verkraftet würden? Man erinnere sich an die Verwerfungen durch die rund 58.000 Toten des Vietnam-Krieges in den weit bevölkerungsreicheren USA.

    III

    Lebten wir nicht kürzlich noch in einer postheroischen Gesellschaft? Wurde nicht kürzlich noch Monika Maron der Rechtsabweichung geziehen, weil ihre Romane Munin (2018) und Artur Lanz (2020) die Unabkömmlichkeit männlich-kämpferischer Tugenden sowie die Ahnung, in einer Vorkriegszeit zu leben, berührten? Die (post)moderne Mediengesellschaft erweist sich als höchst flexibel, aber nicht in einem guten, an der Erfahrungswirklichkeit orientierten Sinne, der mit Lernfähigkeit und vernünftiger Einschätzung der Lage gleichbedeutend wäre; sie macht Stimmungen – abrupt und beliebig, mit einem kaum zu leugnenden Einschlag ins Hysterische.