Unform folgt Unfunktion

Blaise Ebiner schreibt in einem Artikel über die lebensphilosophischen Implikationen zeitgenössischer Architektur, dessen Stoßrichtung mir nicht übel gefällt:

A society that mistakes ugliness for beauty will build ugly things. […] In every case, we have professional critics who line up to tell us that our eyes are lying to us. These buildings are inspiring and beautiful, they tell us. Much time and expense were put into erecting them, so they must tell us something profound. If we cannot see that, we are just too dumb to understand. 

As is the case with many of our experts, these critics are wrong. […] These buildings are not beautiful or inspiring. They do have meaning, but not in the sense that the critics tell us. In a twisted and sad way, they unintentionally tell the truth about our times. We are willing to go to great effort and expense to create monuments to disorder, uselessness, and ugliness.

(Eine Gesellschaft, die Häßlichkeit für Schönheit hält, baut häßliche Dinge. Immer, wenn das geschieht, stehen Architekturkritiker bereit, um uns zu sagen, daß unsere Augen sich täuschen. Die fraglichen Gebäude seien inspirierend und schön, sagen sie uns. Eine Menge Zeit und Geld sei in deren Bau gesteckt worden, deshalb müßten sie uns etwas Tiefes mitteilen. Wenn wir das nicht erkennen, seien wir eben zu dumm, um es zu verstehen.

Wie so oft im Falle unserer Experten liegen diese Architekturkritiker falsch. Diese Gebäude sind weder schön noch inspirierend. Sie haben dennoch eine Bedeutung, aber keine, die dem entspräche, was uns die Architekturkritiker sagen. In einer traurigen und perversen Weise, gleichsam versehentlich, teilen uns diese Gebäude die Wahrheit über unsere Zeit mit: Wir sind willens, viel Aufwand und Geld zu investieren, um Monumente für Ungeordnetheit, Unbrauchbarkeit und Häßlichkeit zu schaffen.)

Interessant, wie „disorder“ hier zu übersetzen wäre, zumal das Wort für den Gehalt des Artikels von zentraler Bedeutung ist. „Chaos“ wäre eine Möglichkeit, als Gegensatz zu Kosmos; es wird jedoch heute selten in der gebotenen Tiefe verstanden. „Aus-den-Fugen-geraten-Sein“, ein Shakespeare-Anklang (Hamlet, 1. Akt, 5. Szene), wirkt in der Übersetzung eines in einem angelsächsischen Medium erschienenen Textes mehr als sinnfällig, aber sperrig. Stefan George würde vielleicht „Unform“ setzen, wie in seinem Gedicht „Der Krieg“ gebraucht; schön, aber schwer verständlich. Den Zuschlag erhielt das etwas blasse, doch taugliche „Ungeordnetheit“.

(Bild: Kunsthaus Graz. Heribert Pohl via Wikimedia, bearbeitet.)

Crispinus & Crispianus

Gestern, am 25. Oktober, war der Gedenktag für die Heiligen Crispinus und Crispianus, bekannt im Englischen als St Crispin’s Day. Da kommt natürlich die St-Crispin’s-Day-Rede aus Shakespeares Henry V. in den Sinn. August Wilhelm von Schlegel hat bei ihrer Übertragung keinen schlechten Job gemacht:

Der heutge Tag heißt Crispianus‘ Fest:
Der, so ihn überlebt und heim gelangt,
Wird auf den Sprung stehn, nennt man diesen Tag,
Und sich beim Namen Crispianus rühren.
Wer heut am Leben bleibt und kommt zu Jahren,
Der gibt ein Fest am heilgen Abend jährlich
Und sagt: «Auf morgen ist Sankt Krispian!»
Streift dann den Ärmel auf, zeigt seine Narben
Und sagt: «Am Krispinstag empfing ich die.»
Die Alten sind vergeßlich; doch wenn alles
Vergessen ist, wird er sich noch erinnern
Mit manchem Zusatz, was er an dem Tag
Für Stücke tat: dann werden unsre Namen,
Geläufig seinem Mund wie Alltagsworte:
Heinrich der König, Bedford, Exeter,
Warwick und Talbot, Salisbury und Gloster,
Bei ihren vollen Schalen frisch bedacht!
Der wackre Mann lehrt seinem Sohn die Märe,
Und nie von heute bis zum Schluß der Welt
Wird Krispin-Krispian vorübergehn,
Daß man nicht uns dabei erwähnen sollte,
Uns wen’ge, uns beglücktes Häuflein Brüder:
Denn welcher heut sein Blut mit mir vergießt,
Der wird mein Bruder; sei er noch so niedrig,
Der heutge Tag wird adeln seinen Stand.
Und Edelleut in England, jetzt im Bett,
Verfluchen einst, daß sie nicht hier gewesen,
Und werden kleinlaut, wenn nur jemand spricht,
Der mit uns focht am Sankt Crispinustag.

Interessant zwei Lösungen des Übersetzers. Im berühmten, vielfach zitierten und adaptierten Vers „We few, we happy few, we band of brothers“ versetzt Schlegel das „happy“, um das Versmaß zu halten; es entsteht etwas wie „We few, we happy band of brothers“ („Uns wen’ge, uns beglücktes Häuflein Brüder“). Im vorletzten Vers dann setzt Schlegel „Und werden kleinlaut…“, was richtig ist und trifft und doch an Saft und Kraft des Vorbilds nicht heranreicht, wo es heißt: „And hold their manhoods cheap…“