Irrationalismus

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    Christentum, Marxismus und Wundersucht: ein Gespräch

    „Weißt Du, worin Christentum und Marxismus übereinstimmen?“, fragte der Hagere. „Beide versprechen Dir ewige Freude, ein Reich nichtendenwollender Glückseligkeit. Alles, was Du tun mußt, ist, Dich Deiner intellektuellen Redlichkeit zu entledigen. Zu glauben, was sich nicht denken läßt; jeden Bruch in der Logik als Nachweis wie auch immer gearteter Höherwertigkeit oder Tiefe hinzunehmen, ob als Mysterium oder Dialektik; das Haltlose als wohlgegründet, das Unverfügbare nicht bloß als das Verfügbare, sondern Dir schlechthin Wohlgesonnene anzusehen, als seiest Du Zweck des Alls. Christentum und Marxismus betrügen alle diejenigen, welche auf ein Wunder hoffen, gerade weil sie auf ein Wunder hoffen. Sie sind das Opium der Wundersüchtigen.“

    „Das ist gut, geistreich sogar“, versetzte der Üppige, „und eine Einsicht, die wir in einem freundlichen Gasthause begießen sollten, damit sie in der Wärme des roten Weins langsam zerfließt wie die Erinnerung an ein Übel, das Du oder ich vor vielen Jahren zu erdulden hatten.“

    Der Hagere stutzte und legte ein verbindliches Lächeln auf. „Es ist ja nicht so, daß ich glauben würde, mit meinem Argument das Christentum ad acta gelegt, Gott ertappt zu haben.“

    „Doch, das hast Du“, schloß der Üppige. „Ertappt und erledigt. Aber es macht ihm nichts aus.“

    (Bild: Claude Monet, L’église de Varengeville, effet matinal, (1882), gemeinfrei.)

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    Weshalb mögen Linke keine Automobile?

    Karl Popper gibt die Antwort:

    Die ersten Eisenbahnen waren […] motorisierte Postkutschen für Personen mit ihrem Gepäck – nicht Güterwagen, sondern Personenwagen kamen zuerst. Sie entsprachen einem persönlichen Bedürfnis zu reisen – hauptsächlich, seine Angehörigen und Freunde zu sehen. Und dasselbe gilt für den Kraftwagen, zum Beispiel auch für das revolutionäre Modell T, das die ganzen Vereinigten Staaten revolutionierte, das dem amerikanischen Menschen eine neue Lebensweise nicht nur ermöglichte oder anbot, sondern geradezu schenkte. Die Revolution war eine geistige Revolution. Sie führte zu einem neuen Weitblick und zu einer neuen Geisteshaltung, revolutionärer, als man es von einer Veränderung der Lebensweise hätte erwarten können. Es war, in der Tat, eine allgemeine Befreiung von unbewußten Banden.

    Genau diese Befreiung gönnt man Ihnen nicht. Es kann ja gar nicht sein, sagt sich der verklemmte Intellektuelle, der sein kleines bißchen Geist mit lauter halbverstandenen Büchern zugeschüttet hat, oder ein sonstwie im Sinne Nietzsches Mißlungener, mit bösen, bösen Werttäuschungen à la Scheler Geschlagener, daß XY von nebenan, der es wagt, fröhlich und unbekümmert zu sein, ja vielleicht sogar besser an seinem, denn wir plantschen in Stereotypen, schwarzen oder auch weißen BMW herumzuschrauben versteht, und einfach so übers Land braust, die rechte Hand auf dem linken Knie seiner wohlgestalten Beifahrerin. Da muß dringend eine Klimakatastrophe her, wenigstens aber deren unmittelbare, jeglicher Diskussion enthobene Drohung, um solche Unverschämtheit ein für allemal zu verbieten… Blicke man nicht mit spätmoderner Arroganz auf die Bußprediger der frühen Neuzeit, die das sich nach der mittelalterlichen Wärmeperiode verschlechternde Wetter durch allerlei Kasteiungen, der sich natürlich die Bepredigten heftiger als der Prediger zu unterziehen haben, zum Besseren, in jenem Falle bemerkenswerterweise: Wärmeren, wenden wollten.

    (Quelle: Karl Popper, Alles Leben ist Problemlösen. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik, München u. Zürich 1995, S. 262-263. Beitragsbild: Winter in Südpolen 1962, PAUart. Utwór w domenie publicznej.)