Stil im Alltag

  • „ph“-Phobie

    Eines der tieferen Rätsel unter der Sonne ist, was die Leute gegen das „ph“ haben. Zuweilen scheint es, als fühlten sie sich regelrecht bedroht, wo es ihnen in schönen Wörtern begegnet, z.B. „Photographie“ oder „Telephon“. Was wird gewonnen, wenn wir diese Wörter modernisieren, also recht eigentlich verstümmeln zu den reiz- und respektlosen Zombies „Fotografie“ oder „Telefon“?

    Weshalb ich von Respektlosigkeit schreibe? Schlicht deshalb, weil der Respekt, der ahnungsvolle Schauer vor dem kaum glaublichen Umstand, daß mit Licht gezeichnet (gemalt, geschrieben) werde, ja überhaupt mit Licht gezeichnet werden könne, verlischt (sic!), wo die Schreibung enthellenisiert wird. Gemeinmachung führt nur allzuoft zur Gemein-Machung.

    Vergleichbares gilt für das zum Telefon degradierte Telephon. Von hier ist es nicht mehr weit zum Fon. Da hat man denn auch nichts wirklich Mitteilenswertes mehr zu sagen, und wie immer stirbt die Kultur Trippelschritt um Trippelschritt. Bis nichts mehr bleibt als der Philosoph – letzte Skrupel, Freunde? – und der Erzbösewicht unserer Tage, der was-auch-immer-Phobe.

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    Cancel Culture? Neue Vertriebswege!

    Ulrich Schödlbauer bemerkt auf Globkult über die Trennung des Fischer-Verlags von seiner langjährigen Autorin Monika Maron:

    Der Vorgang ruft, neben dem politischen Aspekt, in Erinnerung, dass heutige Verlage vor allem Werbeplattformen in eigener Sache sind, die ihren Autoren Anteile an ihrer Marktpräsenz verkaufen. Das Buch, das gute Buch, die Schatztruhe der vielerlei Wahrheiten existiert nicht mehr. Das, was nach wie vor über den Buchhandel oder Amazon verkauft wird, ist bloß der ‚ordentliche‘ Ausdruck einer Datei, die auf multiplen Wegen ihre Leser erreichen könnte. Soll heißen, dem Vorgang des Buchdrucks selbst wohnt keinerlei aufklärerische Bedeutung mehr inne. Das Verlagswesen ist vom Verbreiter zum Flaschenhals seriöser Literatur geworden. Der Leser sollte das im Hinterkopf haben, will er das Verhalten von Massenverlagen und die Mentalität ihrer ‚Macher‘ verstehen. 

    Ja und nein. Die Einschätzung des gegenwärtigen Verlagswesens überzeugt, die gedankliche Verknüpfung von Buchdruck und aufklärerischer Bedeutung weniger. Schließlich muß man nicht lange suchen, um antiaufklärerisches, (im Sinne Poppers) pseudowissenschaftliches oder schlechterdings obskures Zeugs zwischen prächtigen Buchdeckeln zu finden. Das ist keine Frage des Herausgabedatums, gilt heute ebenso wie vor 150 Jahren. Und natürlich existiert auch heute noch „das gute Buch, die Schatztruhe der vielerlei Wahrheiten“. Vereinzelt nämlich, wie immer schon.

    Doch stimme ich Schödlbauer uneingeschränkt zu, wo er äußert: „Das, was nach wie vor über den Buchhandel oder Amazon verkauft wird, ist bloß der ‚ordentliche‘ Ausdruck einer Datei, die auf multiplen Wegen ihre Leser erreichen könnte.“ Sind, wie Schödlbauer richtig beobachtet, etablierte Verlage „vom Verbreiter zum Flaschenhals seriöser Literatur geworden“, muß sich die seriöse Literatur eben neue Vertriebswege suchen. Wenn kein anderer ‚traditionell‘ arbeitender Verlag ein Angebot macht, dann eben jenseits des überkommenen Verlagswesens. Die Technik steht zur Verfügung, das Internet und Print on Demand machen einen Direktvertrieb vom Schriftsteller-Schreibtisch zum Kunden möglich. Alternative Geschäftsmodelle wie Abonnements oder freiwillige Zahlungen funktionieren. Michael Klonovsky, Dushan Wegner und die Leute von der Achse des Guten machen es vor. Gut, die Beispiele reichen ins Journalistische, berühren keine „seriöse Literatur“, aber das muß ja nicht so bleiben. Zumal bereits der bloß vorderhand marktfeindliche Stefan George sich als überaus findig erwies, was Aufbau und Ausnutzung der Marke „Stefan George“ und geeignete, auch ungewöhnliche Vertriebswege angeht.

    Mit einem Wort: Nicht jammern, sondern die Segnungen der Technik und der Katallaxie beherzt und mit unternehmerischem Elan nutzen!

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    Sonntagslektüre: In die Bresche!

    Wie es klingt, wenn ein (katholischer) Bischof sich auf seine Kernaufgabe konzentriert und die Moden seiner Zeit dort läßt, wo sie hingehören, finden Sie hier – in einem Lehrschreiben von Thomas J. Olmsted, dem Bischof von Phoenix, Arizona. In mehr als einer Hinsicht wohltuend!

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    Jörg Bernig: Labenbrods Umgebung

    Wie das Radebeuler Amtsblatt für den September 2020 auf Seite 9 verlauten läßt, hat sich der Oberbürgermeister der sächsischen Stadt, Bert Wendsche bei Jörg Bernig „für die öffentliche Beschädigung“ entschuldigt, nachdem er zuvor Widerspruch gegen die Entscheidung des Stadtrats eingelegt hatte, den Schriftsteller zum Kulturamtsleiter zu wählen. Damit ist die Causa Bernig zu einem versöhnlichen Ende gelangt, wiewohl einzuwenden wäre, daß man nicht „sich entschuldigen“ kann, sondern bloß „um Entschuldigung bitten“.

    Mir scheint, es wäre nun Zeit, einmal auf den Schriftsteller Bernig zu schauen, den es ja jenseits aller politischen Fragen auch noch gibt. Hören wir also, wie Bernig in seinem Roman Anders (2014) die Umgebung der Stadt Labenbrod schildert, die natürlich ein fiktives Radebeul verkörpert, zumal sie, wie ihr Name bezeugt, an der „Labe“ (Tschechisch für „Elbe“) liegt:

    Die Stadt konnte etwas Südländisches haben. Es blühte in einem fort an den Häusern und in den Gärten um sie herum, das Frühjahr begann hier etwas eher als anderswo, und der Herbst wehrte sich hier länger gegen den Winter. Aber oben auf dem Kamm der Hügel, da begann mit eins eine andere Welt.

    War die Stadt unten ein grünes Kissen aus Linden, Kastanien und mächtigen Magnolien, so hatte sich oben ein Kiefernwald bis an den östlichen Hügelrand herangeschlichen. Er stand dort wie ein Barbarenheer, rotstämmig mit krätziger Rinde und zerzaustem Haar. Wie Wächter warteten die Kiefern da oder wie fiebrige Eroberer und gierten hinab auf die kultivierte Welt, die sie einnehmen, aber nicht erhalten wollten. Vielleicht hatten so auch die wirklichen Barbarenstämme auf Rom geblickt, bevor sie es plünderten und zerstörten. Abends glomm die Kiefernhaut bei flachstehender Sonne feurig und bedrohlich auf.

    Die Hügel westlich des Flusses dagegen schwangen in Feldern davon, eines und noch eines und noch eines, und sie trugen, so schien es, immer andere Frucht, Gerste oder Weizen, Mais oder Raps. Zwischen den Feldern schlängelten sich Alleen mit alten Obstbäumen die Hügel hinauf, sie standen im Mai an der schmalen Straße weiß und rosa Spalier. Einer der Hügel leuchtete von einem Jahr auf’s andere lila von Lavendel. Wald und Felder hingen über der Stadt wie Heranrückungen längst vergangener Zeiten, wie letzte Echos aus den großen Tagen der Wildnis, aus denen der Dreifelderwirtschaft, die ja ein Kampf gegen die Wildnis war. […]

    Sie passierten mit dem Moped den östlichen Hügelkamm und fuhren lange durch den Kiefernwald, es duftete nach Harz und Sandboden. Links und rechts der Straße standen weißgestrichene Markierungssteine an den Straßengräben, manche lehnten schief, als wären sie betrunken oder zum Umsinken müde. […] Der Waldausgang war ein Gleißen, sie hielten auf der kerzengeraden Straße darauf zu, das Moped summte und brummte unter ihnen, es sandte Wellen durch ihre Körper, und es dauerte eine Ewigkeit, bis sie den Wald wieder verließen, aber dann öffnete sich alles. Das Kiefernschattige verschwand, zu beiden Seiten dehnten sich Getreidefelder aus, mit einem Mal lag kein Harzgeruch mehr in der Luft.

    Gar nicht schlecht, oder? Bernigs Anders enthält viele derart ‚dichte‘ Beschreibungen. Der Erzähler begleitet die Figuren, als würde er ihnen über die Schulter blicken; er schildert optische Eindrücke, Geräusche und Gerüche mit einer Intensität, die, wie auch die musikalische Qualität der Prosa, das Buch lesenswert macht. Dazu enthält es eine melancholische Liebesgeschichte mit überraschendem und im Hinblick auf die Logik des Erzählten höchst interessantem Ausgang.

    Zitat aus: Jörg Bernig, Anders, Mitteldeutscher Verlag 2014, jetzt beziehbar über das Buchhaus Loschwitz, S. 72-73.

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    „This isn’t the new normal, it’s the normal we forgot.“

    „Das ist keine neue Normalität, sondern eine Normalität, die wir vergessen haben.“ Lesenswerter Artikel über das Wüten der Spanischen Grippe im ländlichen Alberta, Kanada, vor rund einhundert Jahren. Ein Zeitungsausschnitt empfiehlt u.a.: „Avoid crowds“, Menschenmengen zu vermeiden, aber auch: „Keep as much as possible in the Sunshine“, möglichst lange im Sonnenschein zu verweilen, bevor er mahnt: „Don’t be ’scared'“, sich nicht, nun, übermäßig verschrecken zu lassen; ein Zwiebelzüchter schaltet eine Anzeige, in der er sein Produkt als „one of the best preventatives against influenza“, eines der besten Mittel zur Vorbeugung gegen die Grippe anpreist. Mehr auf dem Blog Glen’s Travels.

    (Bild: Traktor in der kanadischen Provinz Alberta, Unsplash.)

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    Roger Scruton: Die Hexenjagd-Mentalität der politisch Korrekten

    Hören Sie Roger Scruton über die Hexenjagd-Mentalität unserer Tage, die – oft genug durch Facebook, Twitter oder andere „soziale“ Medien bewehrt – manche Karriere auf dem Altar der politischen Korrektheit geopfert hat. Das ist soweit nichts Neues, wird aber doch von Sir Roger ergänzt um die Frage, wie denn eigentlich der (oder die) zu Opfernde ausgewählt werde, und den Hinweis, daß hier ein perverser Pay-off eine Rolle spiele: der Mob gewinnt in seiner Verfolgung ein Gefühl von Einigkeit, Verbundenheit, ja sogar Geborgenheit, indem er den „Bösewicht“ aussondert. Es dünstet also eine Art Nest- oder Stallwärme aus gemeinsamem Haß.

    Hier ist der Podcast von knapp zehn Minuten Länge; hier ist der Text. Hörenswert auch Rabbi Jonathan Sacks zum Thema. Beides in englischer Sprache.

  • Soviel zu Mitte, jetzt in den Westen und Südwesten

    Weitere Sittenbilder aus unserer exzentrischen Front- und Hauptstadt. Diesmal von Maximilian Tarrach auf seinem Blog Philosophische Auszeit. Zunächst eine kurze Skizze über das Berliner Bürgertum, die wiederum Antiamerikanismus verzeichnet:

    In Berlin ist man als Bürgerlicher offen und liberal. Man schätzt die „Diversität“ dieser „großen Stadt“, hier sei einfach „immer etwas los“, die Stadt „werde nie langweilig“, außerdem erfreue man sich an den vielen Kulturen Kreuzbergs. Man ist ja pro Flüchtlinge, schließlich hat man Vorfahren aus Pommern, man geht ins kritische linke Theater und klatscht beim politischen Kabarett zu den antiamerikanischen Witzen. Nach so viel Klassenkampf und antikapitalistischer Revolte fährt man zurück in sein Villenviertel in Dahlem oder in den Grunewald und gießt seinen Vorgarten, sorgt sich um den Glanz der Mercedes S-Klasse oder eines SUV des persönlichen Geschmacks. Man setzt sich selbstredend für Chancengleichheit in der Gesellschaft ein, die eigenen Kinder jedoch schützt man vor zu viel schlechtem Umgang und hält die Gymnasien, auf denen bereits die eigene Familiendynastie das Abitur ablegte, auffällig ausländer- und niedriglohnsektorfrei.

    Der launig geschriebene Text handelt eigentlich vom örtlichen Wohnungsmarkt; er lohnt eine Lektüre.

    Da von Dahlem die Rede ist: Zwischen den Villen und reizenden kleinen Parks brummt eine Hochschule, und was sie ausbrütet, ähnelt dem, was sie schon vor Jahren hervorbrachte.

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