Res publica

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    Helmut Schelsky (1974)

    Leerformeln sind immer Herrschaftsformeln, Herrschaftsinstrumente.

    Helmut Schelsky

    Helmut Schelsky, „Herrschaft durch Sprache“ (erschienen am 12.04.1974), in: ders., Der selbständige und der betreute Mensch, Frankfurt a.M. 1978, S. 116-120, hier S. 119 (gekürzt).

  • Thomas Sowell über die jüngsten Ereignisse in den USA

    It is amazing how many people seem to have discovered last Wednesday that riots are wrong — when many of those same people apparently had not noticed that when riots went on, for weeks or even months, in various cities across the country last year.


    (Es ist faszinierend, wie viele Leute am letzten Mittwoch [gemeint ist der 6.01.2021] entdeckt zu haben scheinen, daß gewalttätige Demonstrationen falsch sind, – und daß viele unter genau diesen Leuten offenbar jenen Umstand übersehen haben, als während des vergangenen Jahres in verschiedenen Städten unseres Landes gewalttätige Demonstrationen für Wochen oder sogar Monate andauerten.)

    Den gesamten Kommentar Sowells finden Sie hier. Sein Titel lautet: „Is Truth Irrelevant?“ (Spielt Wahrheit keine Rolle?)

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    Cancel Culture? Neue Vertriebswege!

    Ulrich Schödlbauer bemerkt auf Globkult über die Trennung des Fischer-Verlags von seiner langjährigen Autorin Monika Maron:

    Der Vorgang ruft, neben dem politischen Aspekt, in Erinnerung, dass heutige Verlage vor allem Werbeplattformen in eigener Sache sind, die ihren Autoren Anteile an ihrer Marktpräsenz verkaufen. Das Buch, das gute Buch, die Schatztruhe der vielerlei Wahrheiten existiert nicht mehr. Das, was nach wie vor über den Buchhandel oder Amazon verkauft wird, ist bloß der ‚ordentliche‘ Ausdruck einer Datei, die auf multiplen Wegen ihre Leser erreichen könnte. Soll heißen, dem Vorgang des Buchdrucks selbst wohnt keinerlei aufklärerische Bedeutung mehr inne. Das Verlagswesen ist vom Verbreiter zum Flaschenhals seriöser Literatur geworden. Der Leser sollte das im Hinterkopf haben, will er das Verhalten von Massenverlagen und die Mentalität ihrer ‚Macher‘ verstehen. 

    Ja und nein. Die Einschätzung des gegenwärtigen Verlagswesens überzeugt, die gedankliche Verknüpfung von Buchdruck und aufklärerischer Bedeutung weniger. Schließlich muß man nicht lange suchen, um antiaufklärerisches, (im Sinne Poppers) pseudowissenschaftliches oder schlechterdings obskures Zeugs zwischen prächtigen Buchdeckeln zu finden. Das ist keine Frage des Herausgabedatums, gilt heute ebenso wie vor 150 Jahren. Und natürlich existiert auch heute noch „das gute Buch, die Schatztruhe der vielerlei Wahrheiten“. Vereinzelt nämlich, wie immer schon.

    Doch stimme ich Schödlbauer uneingeschränkt zu, wo er äußert: „Das, was nach wie vor über den Buchhandel oder Amazon verkauft wird, ist bloß der ‚ordentliche‘ Ausdruck einer Datei, die auf multiplen Wegen ihre Leser erreichen könnte.“ Sind, wie Schödlbauer richtig beobachtet, etablierte Verlage „vom Verbreiter zum Flaschenhals seriöser Literatur geworden“, muß sich die seriöse Literatur eben neue Vertriebswege suchen. Wenn kein anderer ‚traditionell‘ arbeitender Verlag ein Angebot macht, dann eben jenseits des überkommenen Verlagswesens. Die Technik steht zur Verfügung, das Internet und Print on Demand machen einen Direktvertrieb vom Schriftsteller-Schreibtisch zum Kunden möglich. Alternative Geschäftsmodelle wie Abonnements oder freiwillige Zahlungen funktionieren. Michael Klonovsky, Dushan Wegner und die Leute von der Achse des Guten machen es vor. Gut, die Beispiele reichen ins Journalistische, berühren keine „seriöse Literatur“, aber das muß ja nicht so bleiben. Zumal bereits der bloß vorderhand marktfeindliche Stefan George sich als überaus findig erwies, was Aufbau und Ausnutzung der Marke „Stefan George“ und geeignete, auch ungewöhnliche Vertriebswege angeht.

    Mit einem Wort: Nicht jammern, sondern die Segnungen der Technik und der Katallaxie beherzt und mit unternehmerischem Elan nutzen!

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    Armut-Reduktion

    Blauer Kasten: 2018 lebten annähernd 1,25 Milliarden weniger Menschen in extremer Armut als 1981 – 653 Millionen (2018) im Vergleich zu 1,9 Milliarden (1981).

    Im Rahmen der Graphik: In extremer Armut lebt, wer max. 1,90 US-Dollar pro Tag ausgeben kann (angeglichen an die Kaufkraft eines US-Dollars im Jahr 2011).

    Text ganz oben: Dies ist die erstaunliche Verringerung der weltweiten Armut um 80%. Im Jahr 1981 lebten 42,3% der Menschen in Armut, 2018 8,6% Es brauchte wahrscheinlich 1000 Jahre, um den Anteil der Armen von 84% auf 42% im Jahr 1981 zu halbieren, dann 24 Jahre, um ihn auf 21% im Jahr 2005 zu verringen, und dann nur noch 10 Jahre, diesen Wert erneut zu halbieren – auf 10% im Jahr 2015.

    „Nein, nein! das kann nicht seyn!“ (Wolfgang Amadeus Mozart & Emanuel Schikaneder, Die Zauberflöte, erster Aufzug, erster Auftritt)

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    Tu quoque, Freundchen!

    Der Soziologe Helmut Schoeck schreibt in seinem Buch Das Recht auf Ungleichheit, veröffentlicht vor rund vierzig Jahren:

    Der Anarchist im 19. Jahrhundert bis zum 1. Weltkrieg mußte nach Möglichkeit ein gekröntes Haupt ermorden. Seine Feindliste war eine verhältnismäßig kleine Zahl von an sich gut schützbaren Personen. Für den Terroristen der letzten 10 Jahre [d.i. seit etwa 1970] ist aber durch die Gesellschaftskritik der Neuen Linken die Opferliste, das Feindbild ungewöhnlich ausgeweitet worden. Alle Formen der Linken, von der gemäßigten bis zur extremen, haben seit rund 20 Jahren durch ihre gemeinsame Diffamierung der sogenannten Mittelklassengesellschaft, der „Wohlstandsgesellschaft“, der „Konsumgesellschaft“, die Ziele für Anarchisten und Terroristen vervielfacht. Es gibt seit einigen Jahren praktisch unzählige Personen und Institutionen, die sich ein Terrorist als Ziel aussuchen kann, unter Beibehaltung eines guten Gewissens aus seiner Sicht der Dinge. So ziemlich jeder Einwohner eines nördlichen Industrielandes, den man als angeblichen Ausbeuter der Dritten Welt seit 20 Jahren diffamiert hat, läßt sich guten Gewissens stellvertretend für die reichen Industrieländer wegen seiner sogenannten Verbrechen an der Dritten Welt hinrichten.

    Helmut Schoeck, Das Recht auf Ungleichheit, München u. Berlin 1979, S.258-259. Zitiert nach der 2. Auflage 1980.