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Antikriegssentiment

Papst Franziskus ließ neuerdings eine Photographie verteilen, auf der ein japanischer Junge nach dem Abwurf der Atombombe auf Nagasaki zu sehen ist. Er trägt seinen toten kleinen Bruder auf dem Rücken:

Die Lippen des vielleicht fünfjährigen Jungen sind blutig gebissen. Er steht starr am Rand eines Feldes, auf dem die Toten verbrannt werden. Er wartet darauf, bis er an der Reihe ist, um seinen toten kleinen Bruder dort abzulegen.

So Vatican News. Auf der Rückseite befindet sich der Kommentar „…il frutto della guerra“ (die Frucht/das Ergebnis des Krieges) und einige Angaben über das Bild.

Zum Anlaß – oder einem der Anlässe – des Tuns von Jorge M. Bergoglio gereichen offenbar die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel. Doch der Blick des Papstes reicht weiter:

The gesture is consistent with Francis’s effort since his election to speak out against what he describes as a “Third World War” today, being fought in piecemeal fashion in various parts of the world.

(Diese Geste stimmt mit Franziskus‘ Handeln seit seinem Amtsantritt überein, nämlich dem Eintreten gegen etwas, das er als „Dritten Weltkrieg“ bezeichnet, geführt in Bruchstücken und kleinen Schritten in den verschiedensten Weltgegenden.)

Schön und gut. Niemand, den ich kenne, findet Krieg per se anstrebenswert. Niemand, den ich kenne, wünscht sich einen Atomkrieg herbei. Wozu also das Ganze?

„Aufklärung“ kann kaum gemeint sein. Bei solchen Angelegenheiten noch aufklären zu wollen, trüge die Eulen gleich sattelzugweise nach Athen. Denn es gibt keinen Mangel an Photographien, auf denen kindliche oder jugendliche Opfer von Kriegen zu sehen sind, und viele dieser Bilder sind bekannt oder sogar berühmt.

Zum Beispiel dieses hier aus den Tagen des deutschen Angriffs auf Polen:

Wenn es keine Aufklärung ist, was ist es dann?

Franziskus‘ Karte gibt keinerlei Erklärung, weshalb der japanische Junge seinen kleinen Bruder verlieren mußte.  Keinen Hinweis auf die Politik Japans in den 1930er und 40er Jahren, keinen Hinweis auf den Charakter der japanischen Führung, keinen Hinweis auch auf die Auswirkungen japanischer Besetzung.  Es macht keine Mühe, Bilder etwa des einige Wochen andauernden Massakers von Nanking (1937) zu finden.

Franziskus‘ Karte gibt auch keinerlei Auskunft über Pearl Harbor. Sie verschweigt den Umstand, daß die Verluste der Amerikaner desto gravierender wurden, je näher sie den japanischen Hauptinseln kamen. Sie übergeht die horrenden Ausmaße – und das Ausmaß des anzunehmenden Horrors – der „konventionellen“ Invasion, wie sie geplant worden war, dann aber ausgesetzt werden konnte. Vor diesem Hintergrund könnte es ja wenigstens denkbar sein, daß der Einsatz der beiden Atombomben gerechtfertigt gewesen sei…

Was Bergoglio mit seiner Lichtbild-Karte tut (oder erledigen läßt), ist Symbolpolitik. Dies zeigt bereits der Sachverhalt, daß die kaum minder schrecklichen Folgen der „konventionellen“ Bomberkampagne gegen Japan – mit wenigstens 100.000 Toten in Tokyo am 10. März 1945 – ignoriert werden. Nicht der Schrecken zählt, sondern der telegene Schrecken. Die Atombombe als Symbol. Als Mahnung.

Schön und gut. Nur: Wofür oder Wogegen?

Gegen die Unverschämtheit freier Völker, sich der Angriffe antiliberaler Regime zu erwehren?

Gegen die Insolenz der Yankees, eine Invasion der japanischen Hauptinseln durch wissenschaftlich-technische Mittel unnötig zu machen, dadurch Hunderttausenden der eigenen, verbündeten und übrigens auch gegnerischen Soldaten das Leben zu retten?

Gegen den Krieg an sich? Für den Frieden?

Das klingt immer gut. Wenn man von Sicherheitsleuten in Zivil und einer sehr hübsch gewandeten Garde geschützt wird, die nicht nur über Hellebarden, sondern auch Schnellfeuergewehre verfügt.

Was übrig bleibt, ist Kitsch.