Kairos

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    William Shakespeare über den Kairos

    Der Kairos, ein besonders gesegneter, da ungemein erfüllender oder fruchtbringender Augenblick, spielt in Stefan Georges Dichtung eine bedeutende Rolle. Natürlich kommt die Sache schon bei William Shakespeare vor – als Salzwasser-Metapher, wie es sich für einen Insel-Barden gehört:

    There is a tide in the affairs of men,
    Which, taken at the flood, leads on to fortune;
    Omitted, all the voyage of their life
    Is bound in shallows and in miseries.
    On such a full sea are we now afloat;
    And we must take the current when it serves,
    Or lose our ventures.

    August Wilhelm Schlegel übersetzt:

    Der Strom der menschlichen Geschäfte wechselt:
    Nimmt man die Flut wahr, führet sie zum Glück;
    Versäumt man sie, so muß die ganze Reise
    Des Lebens sich durch Not und Klippen winden.
    Wir sind nun flott auf solcher hohen See
    Und müssen, wenn der Strom uns hebt, ihn nutzen;
    Wo nicht, verlieren wir des Zufalls Gunst.

    Carpe diem, Freunde. Nutzt die Tide, wenn sie günstig ist.

    (William Shakespeare, Julius Caesar, Act IV, Scene iii, auf den Shakespeare-Seiten des MIT; vierter Aufzug, dritte Szene der Schlegelschen Übersetzung bei Zeno. Beitragsbild: Tobacco Bay, Bermuda: ships in the bay, and a source of fresh water for them on land. Aquatint by J. Wells after Porgay, 1803, Wellcome Collection, Public Domain Mark.)