Blick in Ihre Zukunft

Wie man hier erfährt, wollten einige hundert Menschen in Rotchina vor oder in einer Bank in der Provinz Henan protestieren, die ihnen den Zugriff auf ihre Konten verweigert. Doch kam’s nicht dazu, weil die Covid-Apps vieler Beteiligter (oder Fast-Beteiligter) auf Rot sprangen und jegliches Reisen unmöglich machten.

Grünflation und Kollektivismus

Daniel Greenfield bemerkt, dankenswerterweise von der Achse des Guten ins Deutsche übersetzt:

[D]ie Inflation ist kein ungewollter Unfall. Die Linke gibt wie ein besoffener Matrose Geld aus, um ihre Agenda durchzusetzen. Wenn man das Geld entwertet, wird die Mittelschicht ausgelöscht. Dann kann man anschließend die Wirtschaft unter neuen Bedingungen wieder ankurbeln. Biden hat Billionen [d.i. Tausende Milliarden] von Dollar verschwendet und ist nun damit beschäftigt, die „Gier der Unternehmen“ für die hohen Preise verantwortlich zu machen.

So macht man das, wenn man Kollektivismus säen will. Und natürlich geht es um Kontrolle. Worum sonst? Wackere, eigensinnige Hobbits in Dörfern und gediegenen Kleinstädten, die, wie es so schön heißt, ihr Ding machen? Das können Sie vergessen!

Die Linke will nicht, dass die Menschen in kleineren Gemeinschaften leben. Sie hat ganz klar gesagt, dass alle Menschen in Städten leben müssen.

In Groß- und Megastädten natürlich, idealiter in Großwohnsiedlungen des Zuschnitts Arbeiter- oder, in Zeiten der Postmoderne, Prekariatsschließfach. Eine häßliche Umgebung macht gefügig, acht- und mutlos, zynisch.

Die gewollte Verknappung und Verteuerung von fossilen Brennstoffen durch den Widerruf oder die Nichterteilung von Förderungsgenehmigungen –

Bidens Leute haben es gerade wieder einmal geschafft, Öl- und Gaspachtverträge zu sabotieren!

– dient den Fortschrittlern als Mittel,

um die Mobilität einzuschränken und die Bevölkerung zwangsweise in dichten städtischen Clustern unter ihrem Panoptikum zu konzentrieren. Dies sind die gleichen Strategien, die von der Sowjetunion und dem kommunistischen China angewandt wurden. Und sie haben das gleiche Ziel. 

Übertrieben? Hoffentlich haben Sie recht.

(Bild: Männer vor Suppenküche. Quelle: Library of Congress, Prints & Photographs Division, Farm Security Administration/Office of War Information Black-and-White Negatives. Gemeinfrei.)

Adam Smith: Folly

Adam Smith, An Inquiry Into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, Bd. 1 (1776), hrsg. von Edwin Cannan, London 1904, Buch IV, Kap. II, S. 421, zugänglich und vorzüglich digital bearbeitet auf den Seiten der Online Library of Liberty des Liberty Fund:

The statesman, who should attempt to direct private people in what manner they ought to employ their capitals, would not only load himself with a most unnecessary attention, but assume an authority which could safely be trusted, not only to no single person, but to no council or senate whatever, and which would no-where be so dangerous as in the hands of a man who had folly and presumption enough to fancy himself fit to exercise it.

(Versucht ein Staatsmann, den Bürgern vorzuschreiben, in welcher Weise diese ihr privates Kapital einsetzen sollen, lädt er sich nicht nur eine völlig überflüssige Last auf die Schultern, sondern er beansprucht für sich eine Autorität, die vernünftigerweise keiner einzelnen Person und keinem Rat oder Senat übertragen werden kann – und die in niemandes Händen derart gefährlich werden dürfte als jenen eines Mannes, der dumm und arrogant genug ist, sich selbst für befähigt zu halten, dergleichen Befugnis an sich reißen und in die Tat umsetzen zu wollen.)

Damit wäre ein Argument Friedrich August von Hayeks, das er in The Fatal Conceit (1988) vorträgt, weitgehend vorweggenommen.

(Bild: Winslow Homer, Snap the Whip (1872). Wikimedia Commons, gemeinfrei.)

Vom Popanz „Relevanz“

Die Chefdirigentin eines Symphonieorchesters im Osten der USA hat befunden, daß Beethovens 9. Symphonie so, wie sie ist, nicht mehr „relevant“ sei, und darum den Text des letzten Satzes – Schillers An die Freude – ändern lassen, außerdem musikalische Ergänzungen zwischen den drei ersten Sätzen vorgenommen:

I tried to insert music that was culturally relevant to the location where I’m doing it. Here in Baltimore, between the first and second movements, I have African drumming. Just three minutes.

(Ich habe versucht, Musik einzufügen, die für den Aufführungsort relevant ist. Hier in Baltimore sind es zwischen dem ersten und zweiten Satz afrikanische Trommeln. Gerade einmal drei Minuten.)

David P. Goldman bemerkt dazu:

This is idiotic in more ways than I can list. What does it mean to be relevant? A woman once remarked to Rabbi Abraham Joshua Heschel that the prayer book didn’t seem relevant to her, to which Heschel responded that the point was to make herself relevant to the prayer book. Schiller was one of the universal geniuses who defined our era, and our job is to make ourselves relevant to him.

(Das ist in vielfacher Hinsicht idiotisch. Was bedeutet „Relevanz“ hier? Eine Frau bemerkte einmal zu Rabbi Abraham Joshua Heschel, daß ihr das Gebetbuch nicht relevant scheine, worauf Heschel erwiderte, daß es eben darauf ankomme, sich selbst für das Gebetbuch relevant zu machen. Schiller war eines der Genies, die unser Zeitalter bestimmen, und unsere Aufgabe besteht darin, uns für ihn relevant zu machen.)

(Bild: Grab von E. A. Poe in Baltimore, Maryland, im Jahr 1896. Aus den Sammlungen der Library of Congress. No known restrictions on publication.)

VDH: Vom Zustand der USA

Wir leben in interessanten Zeiten. Der Historiker Victor Davis Hanson gibt einen Überblick über die Probleme der USA, der unter anderem diesen Hinweis enthält:

The traditional bedrocks of the American system — a stable economy, energy independence, vast surpluses of food, hallowed universities, a professional judiciary, law enforcement, and a credible criminal justice system — are dissolving.

(Die bewährten Fundamente der amerikanischen Zivilisation – eine stabile Wirtschaft, weitgehende Autarkie in der Energieversorgung, ein gewaltiger Überschuß an Lebensmitteln, bedeutende und mit höchstem Respekt betrachtete Universitäten, ein verläßliches Gerichts- und Polizeiwesen, ein vertrauenswürdiges und ernstzunehmendes Strafverfolgungs- und Strafvollzugssystem – lösen sich auf.)

Wer zur Häme neigt, sollte sich fragen, ob die Alte Welt ohne die Neue Welt bestehen könne. Bitte lesen Sie den gesamten Text.

(Bild: New York: ships in the dock on the North River. Photograph, ca. 1880. Wellcome Collection. Gemeinfrei.)

Vorankündigung

Karsten Dahlmanns / Aneta Jachimowicz (Hrsg.), Geliebtes, verfluchtes Amerika. Zu Antiamerikanismus und Amerikabegeisterung im deutschen Sprachraum 1888-1933, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Der Band enthält 14 Aufsätze von Wissenschaftlern aus Belgien, Deutschland, Großbritannien, Österreich und Polen, ein Vorwort der Herausgeber und ein ausführliches Namenregister.

Geliebtes, verfluchtes Amerika. Zu Antiamerikanismus und Amerikabegeisterung im deutschen Sprachraum 1888-1933 erscheint voraussichtlich im September 2022.

Bari Weiss: Tätiger Optimismus gegen die „woke“ Einöde

Bari Weiss im Gespräch mit Peter Robinson, vor rund einem Monat. Die Journalistin hat ihre Stelle bei der New York Times aufgegeben, weil ihr die ideologische Bevormundung dort unerträglich wurde. Weiss‘ Antwort? Ein neuer Vertriebsweg, mit beträchtlichem finanziellen Erfolg beschritten, nämlich eine Art Internetmagazin für Abonnenten auf der Plattform Substack, dazu eine Podcast-Serie. Außerdem ist Weiss dabei, eine neue Universität in Austin, Texas, aufzubauen, in der nicht bestimmt, was (oder wer) woke ist, sondern Bildung stattfindet, die den Namen verdient. Sie erhalte viele, viele Bewerbungen von Wissenschaftlern, die an dieser neuen Universität lehren möchten, weil sie das Getue der Bolschewoken an ihrer derzeitigen Fakultät kaum mehr aushalten. Das Fundraising habe alle Erwartungen übertroffen. – Es gibt also Bedarf für nicht-linke Bildungsinstitutionen.

Besonderes Augenmerk verdient der Schlußteil des Films (ab Minute 37). Weiss spricht über die Unbarmherzigkeit der Cancel Culture in Zeiten der Social Media. Bereits Fünftklässler achteten darauf, nichts „Kontroverses“ zu äußern – wobei, natürlich, der neueste Trend im Woke-Sein definiert, was kontrovers sei. Es herrsche Selbstzensur.

Gleicht Weiss‘ Urteil über die genannten Übel demjenigen von Jonathan Haidt (verlinkt im gestrigen Beitrag), erweckt vor allem ihre dynamische, zupackende Art Bewunderung, dazu ihr Vertrauen in die Grundfesten der USA. „Wir sind in Amerika“, sagt sie nach Minute 55, „hier kann man Neues erschaffen.“ („This is America. It’s really possible to build new things here.“) Tätiger Optimismus.

Pessimismus ist so langweilig…

Von Leuten, die den Pranger fürchten, läßt sich nichts lernen

Bemerkenswerter Artikel in The Atlantic über verschiedene Übel, darunter nicht zuletzt eine allgemeine Verdummung, welche Social Media hervorrufen. Zur Wurzel des Elends gereiche, so Jonathan Haidt, deren Share– oder Retweet-Funktion. Die beständige Shitstorm-Drohung führe u.a. dazu, daß Studenten an den Universitäten kaum noch Bildung vermittelt würde, die den Namen verdient, weil die allermeisten Dozenten fürchteten, etwas auch nur annähernd Kontroverses zu äußern.

Bild: Daniel Defoe is standing in the pillory while soldiers have to restrain crowds from throwing flowers at him. Wood engraving. Wellcome Collection, gemeinfrei.

Zur Sprache der Berliner Republik. Michael Esders‘ „Sprachregime. Die Macht der politischen Wahrheitssysteme“

ORBIS LINGUARUM 54 (2021) – PDF

Michael Esders analysiert Deformation und Dienstbarmachung der Sprache in der Bundesrepublik Deutschland der vergangenen zwei Jahrzehnte. Seine Studie möchte zeigen, daß eine Reihe sprachlicher Kniffe in der Politik, den Medien und an den Universitäten dazu beiträgt, dem Souverän eine selbstzerstörerische Migrations- und wohlstandsvernichtende Umweltpolitik akzeptabel zu machen, allgemeiner gesprochen: die demokratische Willensbildung soweit zu manipulieren, daß deren Klassifikation als ‚postdemokratisch‘ kaum überzogen wirkt. Der mit einer Arbeit über literarische Formen der Philosophie promovierte Autor nennt diesen Prozeß und dessen Ergebnis „Sprachregime“.

Esders beruft sich gleich zu Beginn auf Victor Klemperers berühmtes Buch über die Sprache des Dritten Reiches:

Der gegenbildlichen Identität und Staatsräson der Bundesrepublik entsprechend, hat sich eine LTI mit umgekehrten Vorzeichen ausgebreitet. Die Sprache wurde zu dem, was ihre emanzipatorischen Leitbegriffe am entschiedensten negieren. Sie konnte es werden, weil sie […] das ‚Nie wieder‘ so ausstellt, dass niemand die Offensichtlichkeit des ‚Wieder‘ wahrnehmen muss. (S. 8)

Dieses „Wieder“ ist ein von vielen Bundesbürgern wahrgenommener Mangel an Gedankenfreiheit bei ideologischer Gängelung, eine heute nicht mehr feldgraue oder braune, sondern „bunttümelnde Eintönigkeit“ (ebd.), wobei „bunt“ natürlich die Voraussetzungen und Auswirkungen einer multikulturellen und auf dem Felde der Sexualmoral nicht mehr von überkommenen Vorstellungen geprägten Gesellschaft meint. 

Nun dürften sowohl Esders‘ politische Voraussetzungen, als auch die Selbstverständlichkeit, mit der er seine Abhandlung in die Tradition Klemperers stellt, Teile des gebildeten Publikums abschrecken. Die Lektüre sei dennoch empfohlen. Esders‘ dreiteilige Studie – sie enthält die Abschnitte „Wahrheitssysteme“, „Narrative der Hypermoral“, „Matrix der Differenz“ – zeichnet sich durch gepflegte, nicht selten elegant zugespitzte und zumeist solide fundierte Argumente aus. Von Dumpfheit, Ressentiment oder der Freude an Verschwörungstheorien ist in der Theodor W. Adorno, Emmanuel Lévinas, Hermann Lübbe u.a. streifenden Studie wenig zu spüren. Die eingangs getroffene Feststellung über Kniffe sprachlicher Art impliziert ja keinesfalls, daß diese Kniffe durch eine Instanz zentral geplant oder gesteuert seien; spontane Koalitionen, zweckbestimmte, auch konkurrierende und widerstreitende Allianzen sollten stets in Betracht gezogen werden.

„Wahrheitssysteme“ ist ein ungewohnter Begriff. Er stammt vom sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, der 2018 im „Zusammenhang mit den behaupteten ‚Hetzjagden‘ in Chemnitz […] von einem ‚Angriff auf unsere Wahrheitssysteme‘“ gesprochen hatte (S. 10, vgl. auch S. 24). Esders kommentiert:

Wahrheiten sind organisierbar, gibt diese Äußerung zu verstehen. […] Nur wer die Wirkungsweise solcher ‚Wahrheitssysteme‘ versteht und ihr semantisches Betriebssystem entschlüsselt, kann die Macht des Sprachregimes brechen (S. 10),

mithin, wie Esders annehmen dürfte, von postdemokratischer zu demokratischer Willensbildung zurückkehren.

Esders ist zuzustimmen, wo er eine Analyse auf der Wortebene für unzureichend hält. Die seinerseits in den Blick genommenen sprachlichen Kniffe sind oftmals logischer und epistemologischer Natur; dabei ist die solide wissenschaftstheoretische Ausbildung des Verfassers zu spüren. Die Diskussion, ob Migrantengewalt als „Einzelfälle“ und somit in politischer und staatsphilosophischer Hinsicht als irrelevant zu gelten habe, wird mit den Mitteln der Konventionalismus-Diskussion in der Wissenschaftstheorie des Kritischen Rationalismus von Karl Popper begriffen. Auch die zitierte Äußerung des sächsischen Ministerpräsidenten wird im Lichte des Konventionalismus kommentiert:

Nicht die Tötung des Daniel H. [in Chemnitz] wird als „Angriff“ gewertet, sondern die Reaktion auf diese Tat. Im System wird Wahrheit zur autopoietischen Kategorie, zur Frage optimierbarer Selbstorganisation. Was im Widerspruch zu den eigenen Sätzen und Setzungen steht, wird […] als aggressiver Akt interpretiert und kriminalisiert. […] Die Falsifikation der eigenen Thesen käme schon deshalb einer Vernichtung gleich, weil jede Behauptung Selbstbehauptung ist. (S. 25; vgl. auch S. 70)

Jeder mit der Philosophie Poppers auch nur oberflächlich Vertraute ermißt, wie vernichtend dieses Urteil über die Vernunftwilligkeit der Beteiligten ist.

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